Gedenken an die Zerstörung des Gotischen Viertels vor 79 Jahren

Quelle: Pressestelle der Hansestadt Wismar

Es waren verheerende Stunden kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges: Bei einem Bombenangriff in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1945 waren große Teile des Wismarer Altstadtkerns zerstört worden, darunter das Gotische Viertel. Diese Schreckensnacht vor 79 Jahren ist bis heute nicht vergessen: Am 15. April 2024 gab es wieder eine Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Zerstörung des Gotischen Viertels. Etwa 90 Menschen waren in der St.-Georgen-Kirche dabei, darunter mehrere Schülerinnen und Schüler.

Kunstwerke und Statements unter dem Motto "Für den Frieden"

Die Mädchen und Jungen der Regionalen Schule "Bertolt Brecht" präsentierten während der Gedenkstunde Kunstwerke und Statements unter dem Motto "Für den Frieden". Die Schülerinnen und Schüler hatten sich mit unterschiedlichen künstlerischen Techniken beschäftigt und zeigten nach ihrer erfolgreichen Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum SCHABBELL in Wismar noch einmal in digitaler Form die Ergebnisse, die im Kunstunterricht entstanden waren.

Monika Abdullah aus der Klasse 9b der Bertolt-Brecht-Schule stellte in der St.-Georgen-Kirche ein von ihr verfasstes Gedicht vor: "Setz dich nicht hin - steh auf. Rette unsere Zukunft. Habe die Liebe in dir, dann existiert Frieden schonmal hier. Die Blumen im Wind, der Himmel ist blau, der Mensch ist glücklich und nicht mehr grau. Ich umarme den Baum und glaube es kaum, dass Frieden existiert nicht nur im Traum."

Geräusche von Flugzeugen und fallenden Bomben

Musikalisch wurde die Veranstaltung in St. Georgen von Duncan Ó Ceallaigh und Gregory Nemirowskyy begleitet. Die Künstler griffen in ihren Darbietungen die Themen "Zerstörung", "Trauern" und "Wiederaufbau - Das Leben geht weiter" auf. So waren zum Beispiel Geräusche von Flugzeugen und fallenden Bomben - Originaltöne aus dem Zweiten Weltkrieg - zu hören.

Während der Gedenkveranstaltung sprachen Bürgermeister Thomas Beyer und Propst Marcus Antonioli vom Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreis Mecklenburg. Und es wurden historische Fotografien des Gotischen Viertels gezeigt.

Blick auf Wismars ukrainische Partnerstadt Tschornomorsk

Thomas Beyer erinnerte an den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen. Der Bürgermeister richtete seinen Blick aber auch auf die heutige Zeit und auf die Partnerstadt Tschornomorsk in der Ukraine, die nicht weit von Odessa entfernt ist.

Thomas Beyer sprach von Mädchen und Jungen, die nur noch bis zum Mittagessen im Kindergarten bleiben können, weil sie im Falle eines Alarms im Mittagsschlag nicht schnell genug im Luftschutzkeller sein können. Er berichtete von Schülerinnen und Schülern, die sich jetzt an zwei, maximal drei Tagen in der Woche in der Schule sehen. "Die anderen Tage bekommen sie Online-Unterricht, die Kapazitäten der Bunker beziehungsweise Luftschutzkeller reichen sonst einfach nicht aus."

Familien in Tschornomorsk dürfen derzeit nicht im Schwarzen Meer baden - aufgrund der Minen im Wasser und am Strand. Und viele Familien seien getrennt. "Jetzt ist es sehr oft so, dass die Männer im Land geblieben sind und die Mütter mit den Kindern in Deutschland, Polen, Spanien oder anderen Ländern leben. Sie sehen sich seit Monaten allenfalls per Videotelefon. Und in anderen Städten ist es weitaus schlimmer: Es gibt keinen Strom, kein Wasser, alles ist zerbombt."

Thomas Beyer, der Tschornomorsk vor wenigen Tagen zum zweiten Mal besucht hatte, erinnerte auch an die Feuerwehrleute sowie die Rettungssanitäterinnen und -sanitäter, die fürchten müssen, wenn sie Menschen aus einem durch Bomben brennenden Haus retten, dass gleich die nächste Rakete kommt. "Das ist (Wladimir) Putins Strategie, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Die Menschen in der Ukraine würden so gern gar nicht mehr den Dauerton der Sirenen hören, der den nächsten Angriff ankündigt. Sie würden am liebsten gar nicht mehr in angsterfüllte Augen der Kinder sehen, wenn sie im Luftschutzkeller warten und die Einschläge hören und spüren. Ja, die Menschen in der Ukraine sehnen sich so sehr nach Frieden, nach Frieden in Freiheit."

"Frieden und Freiheit gehören zueinander"

Weiter sagte der Bürgermeister: "Mit dieser Gedenkveranstaltung wollen und müssen wir daran erinnern, dass Frieden, friedliches Zusammenleben in unserer Stadt, in Deutschland, in Europa, weltweit das Normale sein soll, dass der Friedenswunsch, den wir aus der Religion kennen, Friede sei mit dir, Schalom alejchem, Salam aleikum, Mir tobi, ein universaler ist und den inneren und äußeren Frieden meint und dass Frieden und Freiheit zueinander gehören."

Werke von Ernst Barlach mahnen zur Menschlichkeit

Propst Marcus Antonioli wies auf die Ausstellung "Barlach in Wismar" hin: Bis zum 21. Mai 2024 sind zwölf Bronzeskulpturen von Ernst Barlach in der St.-Georgen-Kirche zu sehen. "Die Plastiken zeigen den Menschen in seiner Unmittelbarkeit und auch Verletzlichkeit." Barlachs Bildwerke "mahnen auch heute noch die Menschlichkeit an, die es zu bestaunen und zu schützen gilt. Diese Menschlichkeit kommt als erstes unter die Räder, wenn Hass und Hetze den Ton angeben. Übrigens auch heute ist bekannt, was rechte Ideologen und Hetzer im Schilde führen, und dass das tiefe Wunden in unsere Gesellschaft reißen würde", so Propst Antonioli. "Ernst Barlach aber hat auch die Hoffnung geteilt, dass die Verletzten wieder heil werden, dass die Wunden heilen, dass das Leben am Ende stärker und der Friede den Krieg überwinden wird, weil er an das wahrhaft Menschliche glaubte, das in jedem von uns angelegt ist."