Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus – Wismarer Stolpersteine in neuer App

Quelle: Pressestelle der Hansestadt Wismar

Am 27. Januar 2026 ist der bundesweite Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Bereits am Tag zuvor gab es eine Gedenkfeier in Wismar - vor dem ehemaligen Kaufhaus der Familie Karseboom, Hinter dem Rathaus 17. Dort befindet sich auch ein Stolperstein, der im Jahr 2019 verlegt worden war und an den letzten freiwilligen Arbeitsort von Friedrich Karseboom erinnert.

Stolpersteine sind kleine quadratische Gedenksteine aus Messing, mit denen an das Schicksal der Menschen erinnert wird, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet oder vertrieben wurden. Sie gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

Neben Bürgermeister Thomas Beyer und Mitgliedern der Projektgruppe Stolpersteine, darunter Falk Bersch, waren unter anderem auch Schülerinnen und Schüler aus zwei Schulen in Wismar bei der Gedenkstunde dabei: aus dem Geschwister-Scholl- und dem Gerhart-Hauptmann-Gymnasium (GHG).

47 Gedenksteine in Wismar

Falk Bersch berichtete über das Schicksale von Mitgliedern der Familie Karseboom. Eva Graeff, Debora Materne und Clara Kaminski, Zehntklässlerinnen aus dem GHG, erinnerten an den Arzt Dr. Leopold Liebenthal (1868 bis 1938), die Hausfrau Bertha Heinsius (1889 bis 1941) und den Schiffszimmermann und Fischer Johann Frehse (1886 bis 1942), für die es in Wismar Stolpersteine gibt. Außerdem wurde die neue App "Stolpersteine Digital", in der nun auch die 47 Wismarer Stolpersteine aufgeführt sind, vorgestellt.

"Die Stolpersteine, die inzwischen in ganz Europa verlegt wurden, sollen an die Menschen erinnern, die während des Nationalsozialismus entrechtet, verfolgt und ermordet wurden. Die Erinnerung findet jeweils dort statt, wo diese Menschen zuletzt gelebt haben, vor den Wohnhäusern oder auch den Arbeitsorten", erläuterte Jochen Schmidt, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern. 

"Auf den Stolpersteinen sehen wir die Namen und ganz wenige Daten, aber nicht die Geschichten, die sich dahinter verbergen. Genau dies soll das Projekt jetzt hier bewirken, dass man sich über die App ,Stolpersteine Digital' die Geschichten der betroffenen Personen abrufen kann, also mehr erfährt über die Menschen, an deren Stolpersteinen man gerade steht", sagte Bürgermeister Beyer. Das Stolperstein-Projekt wolle mit der Erinnerung auch in die Gegenwart und in die Zukunft wirken. "Weil es jetzt gerade auch wieder erstarkende, gerade rechtsextreme Bewegungen in Deutschland und auch in unserem Bundesland gibt, haben wir allen Anlass dazu, umso mehr daran zu erinnern, was eigentlich eine solche Ideologie oder eine solche Haltung in der Zeit zwischen 1933 und 1945 angerichtet hat."

Nach dem Start in Schleswig-Holstein und Bremen hatten die Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern und der IT-Dienstleister Dataport, eine Anstalt öffentlichen Rechts, im vergangenen Jahr begonnen, alle Stolpersteine und vor allem die Biografien von Opfern des Nationalsozialismus in Mecklenburg-Vorpommern in der App "Stolpersteine Digital" zu erfassen. Nun sind auch die Stolpersteine von Wismar in die Augmented-Reality-App, gemeint ist eine Anwendung mit "erweiterter Realität", integriert. Ebenso wie die kleinen Gedenksteine in Schwerin, Stralsund, Greifswald und Waren/Müritz. In den kommenden Wochen werden die Stolper- und Denksteine inklusive der Biografien in Pasewalk und Rostock integriert.

Besondere Form der Erinnerungskultur

"Die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wachzuhalten, ist unser aller Aufgabe. Mit der Stolpersteine-App haben wir eine digitale Lösung geschaffen, diese besondere Form der Erinnerungskultur lebendiger zu machen", betonte Silke Tessmann-Storch vom Vorstand bei Dataport, der die App, die es im Playstore und im Appstore zum kostenfreien Herunterladen gibt, entwickelt hat. "Die App macht es möglich, sich über das Leben der Menschen zu informieren, und sie schafft so eine neue Form des Gedenkens."

Das Programm arbeitet mit Geolokalisierung und Texterkennung. Auf einer digitalen Karte zeigt die App an, wo Stolpersteine verlegt sind und wie groß die Entfernung vom eigenen Standort zu den Steinen ist. Befinden sich Interessierte direkt am Stolperstein und scannen diesen per Smartphone-Kamera, werden auf dem Kamerabild Informationen in Textform zu der Person angezeigt, die an diesem Ort gelebt oder gewirkt hat. Die Stolperstein-App beantwortet Fragen wie: Was waren das für Menschen, die hier gelebt haben? Hatten sie vielleicht Kinder? Was haben sie beruflich gemacht? So wird aus einem bloßen Namen ein Schicksal, ein ganzes Leben?

Anschließend können die Nutzerinnen und Nutzer Anteil nehmen, indem sie eine virtuelle Kerze am Stein platzieren. Die Kerze kann mit Namen und Botschaft personalisiert werden und ist auch für andere sichtbar. Die virtuelle Kerze brennt jeweils sieben Tage und kann danach erneut entzündet werden.

Die Biographien sind nicht nur an den Stolpersteinen, sondern auch ortsunabhängig abrufbar. Ergänzend zur App finden Interessierte umfassendes pädagogisches Material von unterschiedlichen Bildungsträgern auf der Webseite stolpersteine.digital. Diese Übersicht wurde zusammengestellt vom Landesbeauftragten für politische Bildung Schleswig-Holstein und den Landeszentralen für politische Bildung Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.

Bis Februar 2026 möchte Dataport etwa die Hälfte der rund 700 Stolpersteine in Mecklenburg-Vorpommern erfasst haben. Ziel sei die europaweite Erfassung von mehr als 90.000 Stolpersteinen.