Dr. Leopold Liebenthal
26. Mai 1868 – 30. November 1938
Wohnort: Altwismarstraße 10
Schicksal: Verfolgt und gestorben in Wismar
Kurzbiografie
„Het du Weihdaag un Kummer, roop nah Liebnthal, de kümmt ümmer.“
(In Wismar geläufiger Spruch, der auf Dr. Liebenthals Hilfsbereitschaft und Menschenfreundlichkeit hinwies.)
Leopold Liebenthal wurde am 26. Mai 1868 in Bergen auf Rügen als Sohn des Kaufmanns Louis Liebenthal und dessen Frau Emmi, geborene Leopold, geboren. 1894 legte er in Berlin die Medizinische Staatsprüfung ab und promovierte. Im Oktober desselben Jahres kam Dr. Liebenthal als praktizierender Arzt nach Wismar und richtete in der Altwismarstraße 10 seine Praxis ein.
Am 10. August 1898 ließ er sich in St. Marien taufen und heiratete die 24-jährige Marie Spohr. Dr. Liebenthal war wegen seiner unermüdlichen, selbstlosen Hilfe besonders in der ärmeren Bevölkerung hochgeachtet. Sein soziales Engagement ging so weit, dass er Behandlungen oft nicht in Rechnung stellte oder Medikamente aus eigener Tasche bezahlte. „Liebenthal kümmt ümmer“, hieß es in Wismar.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde seine Praxis geschlossen und er erhielt Berufsverbot. Unter der Isolierung und dem psychischen Terror litt er schwer.
Am 21. November 1938 wurde Dr. Liebenthal zu einer „Sühneleistung“ von 5.000 Reichsmark verpflichtet – eine Zahlung, die Jüdinnen und Juden nach dem Novemberpogrom leisten mussten, obwohl sie selbst Opfer der Zerstörungen waren. Am 29. November 1938 trat zudem die „Sicherungsverordnung zur Vermögenssicherung von Juden“ in Kraft, woraufhin sein Eigentum beschlagnahmt wurde. Einen Tag später, am 30. November 1938, starb Dr. Leopold Liebenthal im Alter von 70 Jahren an Herzversagen.
Sein Trauerzug wurde aus Angst vor Repressionen nur von zwei Personen begleitet. Dennoch erwiesen ihm viele Wismarerinnen und Wismarer heimlich die letzte Ehre, indem sie am Straßenrand oder auf dem Friedhof „zufällig beschäftigt“ waren.
Zur Erinnerung wurde in der Altwismarstraße 10 eine Gedenktafel angebracht. Auch eine Straße in Wismar trägt seinen Namen. Dr. Liebenthal und seine Frau wurden auf dem Westfriedhof an der Schweriner Straße beigesetzt.
Dr. med. Liebenthal wurde am 1. Januar 1895 in die Wismarer Freimaurerloge aufgenommen. Die Loge trennte sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht von ihm – ungewöhnlich in dieser Zeit. Etwa 130 Männer aus der Wismarer Gesellschaft waren dort Mitglied, darunter der Direktor der Stadtwerke Lindekugel. Der letzte Vorsitzende war Karl-Ludwig Eschenhagen, Fabrikant einer bekannten Spirituosenfabrik und weiterer Unternehmen. Die Loge wurde am 16. Juli 1935 zwangsweise aufgelöst.
Verlegung des Stolpersteins
Für Dr. Leopold Liebenthal wurde am 15. Juli 2008 vor dem Haus Altwismarstraße 10 ein Stolperstein verlegt. Die Patenschaft übernahm die Loge zur Vaterlandsliebe Wismar e. V.
Zum Weiterlesen
-
Falk Bersch: Stolpersteine in Wismar. Wismar, 2018.
-
Nicole Hollatz: Wismarer Gesichter. Ein kleines Kaleidoskop bedeutender Wismarer Persönlichkeiten. Wismar, 2006.