Familie Blass

Wohnort: ABC-Straße 14
Schicksal: Überlebt, Emigration in die Vereinigten Staaten von Amerika


Kurzbiografie

„Mitten in der Nacht erwachten meine Eltern von lautem Getöse und klirrenden Fenstern. Aus dem Fenster sahen sie, dass Sturmabteilung-Männer wie Vandalen im Schuhgeschäft Blass wüteten: Glas zerschlugen, Schuhe auf die Straße warfen und Mobiliar zerstörten. Meine Eltern waren entsetzt, erwarteten jeden Augenblick die Polizei und konnten nicht begreifen, dass niemand eingriff. Am nächsten Tag war schnell bekannt, dass dieser „Einsatz“ kein Einzelfall war.“
(Aus den Erinnerungen einer Wismarer Bürgerin an die Reichspogromnacht am 9. November 1938)

Bild vergrößern: Stolpersteine Bild: © Hansestadt Wismar, Archiv
Anzeige von Max Blass aus dem Mecklenburger Tageblatt, Jg. 1928 (Quelle Stadtarchiv Wismar)

Um das Jahr 1920 zog Max Blass aus dem östlichen Polen nach Wismar. Am 15. Dezember 1920 heiratete er Jenni Fischel. Kurz darauf eröffnete er in der Sargmacherstraße 9 eine Schuh- und Kleiderhandlung. Etwa 1923 zog die Familie mit dem Geschäft in die Mühlengrube 36. 1927 kam mit Paula das dritte Kind zur Welt. Danach verlegte Max Blass seine Geschäftsräume in die ABC-Straße 14 und zog mit seiner Familie in die Wohnung über dem Laden. Das Geschäft war in Wismar beliebt – auch ärmere Menschen konnten sich dort etwas leisten. Die Familie Blass gehörte zur Israelitischen Gemeinde in Schwerin.

Schon früh litten die Kinder der Familie unter antisemitischen Übergriffen. Bernhard Blass, geboren 1927, besuchte von 1927 bis 1931 die Volksschule in Wismar und wechselte danach auf das Gymnasium in der Großen Stadtschule. Dort wurde er von Mitschülern und Lehrern aufgrund seiner jüdischen Herkunft drangsaliert. Schließlich musste er die Schule verlassen und wechselte nach Hamburg auf die Talmud-Thora-Schule, die er bis 1937 besuchte. Auch sein Bruder Ernst war von 1934 bis 1938 dort Schüler. Paula Blass besuchte bis zur Reichspogromnacht die Mädchen-Mittelschule, die seit 1933 Adolf-Hitler-Schule hieß (heute Fritz-Reuter-Schule). Auch sie wurde ausgegrenzt.

Am 1. April 1933 organisierte die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei den reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte. Auch das Geschäft der Familie Blass war betroffen: Sturmabteilung-Männer postierten sich mit Plakaten vor dem Laden in der ABC-Straße 14, um Kundinnen und Kunden vom Einkauf abzuhalten. Auch die Presse hetzte: So forderte der Niederdeutsche Beobachter am 18. Juli 1935, man solle „einen großen Bogen um das Geschäftshaus des kleinen Juden in der ABC-Straße machen“.

Ab Mitte 1938 mussten Max und Jenni Blass die zusätzlichen Vornamen Israel und Sara tragen. In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde das Geschäft von Sturmabteilung-Männern zerstört. Max Blass musste die Verwüstung weinend mit ansehen. Am 10. November 1938 wurden er und sein Sohn Ernst verhaftet und in die Strafanstalt Neustrelitz-Strelitz gebracht. Ernst, damals 15 Jahre alt, war der jüngste unter 175 in Mecklenburg inhaftierten Juden. Vermutlich kam er schon wenige Tage später wieder frei. Max Blass kehrte erst Mitte Dezember nach Wismar zurück.

Die Familie entschloss sich zur Auswanderung:

  • Bernhard Blass reiste am 1. Juni 1937 von Hamburg aus per Schiff nach New York.

  • Ernst Blass floh am 22. Dezember 1938 zusammen mit seiner elfjährigen Schwester Paula nach New York.

  • Nach Max Blass’ Haftentlassung verließen auch er und seine Frau Jenni im April 1939 Deutschland. Über England gelangten sie ebenfalls in die Vereinigten Staaten.

1940 lebte die gesamte Familie Blass wieder vereint in New York.


Verlegung der Stolpersteine

Für die Familie Blass wurden am 27. Juni 2015 vor dem Haus in der ABC-Straße 14 fünf Stolpersteine verlegt. Die Patenschaft übernahm der Verein Kaso e. V.


Zum Weiterlesen
  • Falk Bersch: Stolpersteine in Wismar. Wismar, 2018.

  • Michael Buddrus / Sigrid Fritzlar: Juden in Mecklenburg 1845–1945. Band 1: Texte und Übersichten. Schwerin, 2019, S. 355 ff., 362, 378, 488 ff.

  • Edith Krüger: „Wat de Oltschäulers schriewen“, in: Mitteilungsblatt der Altschülerschaft Wismar, Nr. 95, Sommer 2001, S. 61 f.