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11.01.2020

Bürgermeister Thomas Beyers Rede zum Neujahrsempfang in St. Georgen

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Bürgerinnen und Bürger, liebe Gäste unserer Stadt,

schön, dass Sie alle dieser Einladung zum Neujahrsempfang gefolgt sind, herzlich willkommen in unserer St. Georgenkirche und herzlich willkommen im Jahr 2020.

Ich möchte Sie heute zu mehreren Spaziergängen einladen, zu Spaziergängen, die sich am Ende vielleicht zusammenfügen zu einem. Ich möchte mit Ihnen durch die Zeit schreiten, durch das abgelaufene Jahr, durch die davor liegende Zeit, und einige Schritte sollen uns auch in die Zukunft führen, in das Jahr 2020, vielleicht auch weiter. Natürlich möchte ich mit Ihnen auch durch den Raum gehen, durch unsere Stadt, durch verschiedene Quartiere und Stadtteile.

Und auch in die Gedankenwelt möchte ich mit Ihnen aufbrechen oder abtauchen, je nachdem, vor allem den Gedanken, die Idee der Demokratie möchte ich mit Ihnen erkunden, und ja auch an der Wirklichkeit messen.

Spaziergänge machen wir manches Mal allein, oft aber auch gern mit anderen zusammen. Gerade zum Jahresende zwischen den Feiertagen war es eine Freude, so viele Menschen durch unsere Stadt, am Hafen oder in Wendorf an der Wismarbucht spazieren gehen zu sehen. Ich erzähle Ihnen gern von Menschen, Vereinen, Unternehmen, die uns übers Jahr begleitet haben durch Wismar, durch Zeit und Raum, die gute Begleiterinnen und Begleiter waren, oder auch Anschieber, Initiatoren, ich erzähle Ihnen auch gern von Menschen, die als neue Spaziergängerinnen und Spaziergänger hinzugekommen sind.

Lassen Sie uns also losgehen, uns anschauen, was sich bei uns getan hat in Wismar und tun wird, vielleicht teilen Sie dann meine Auffassung von dem, was uns zusammenhält oder von dem, was uns auseinanderdriften lässt, vielleicht widersprechen Sie auch, wir sind ja auf einem Spaziergang, und mit Verlaub, der muss nun heute nicht enden, sondern wir können ihn fortsetzen im Laufe des Jahres, wir können all´ das diskutieren, bei Stadtteilgesprächen, Veranstaltungen, in Bürgerschaftssitzungen, während des Bürgermeisterstammtisches, in Sprechstunden, bei Stadtfesten, einfach im Smalltalk, bei anderen Gelegenheiten.

Tauchen wir also mitten hinein in das Jahr 2019. Ich beginne tatsächlich mitten im Jahr. Am 26. Mai war Wahltag, da waren viele unserer Bürgerinnen und Bürger unterwegs, um zu wählen. Man kann sagen, die Stadt war insgesamt in Bewegung, und die Beteiligung war für eine Kommunalwahl hoch wie lange nicht mehr. Aber nicht nur Bürgerschaft und Kreistag wurden gewählt, auch ein neues Europaparlament stand zur Wahl.

An dieser Stelle sei gesagt, dass wir zu diesem Empfang gerade auch jene gezielt eingeladen haben, die die ordnungsgemäße Durchführung der Wahlen ermöglichten. Vielen Dank also an die vielen ehrenamtlichen Wahlvorstände und Wahlhelfer, immerhin knapp 300 waren es!

Die Wahl am 26. Mai war beileibe nicht die einzige. Auch ein neues Kinder- und Jugendparlament ist gewählt worden, an allen Schulen. Auch hier gab es eine hohe Wahlbeteiligung; es ist einfach gut, dass Kinder und Jugendliche sich in dieser Weise in unsere Stadt einbringen, und es ist mittlerweile selbstverständlich geworden. Auch das ist gut.

Freie Wahlen - sie gehören zum Kern unserer Demokratie. Und ich war und bin stolz, dass sich wieder mehr an der Wahl beteiligt haben, auch hier bei uns in Wismar. Und eines möchte ich hinzufügen: Zu Wahlen gehören Wahlkämpfer, Parteien, Wählervereinigungen, Einzelbewerber; es gehören Zeit, Geld, Ideen, Engagement, sehr, sehr viel Ehrenamt dazu.

Auch wenn Parteien kritisiert und gescholten werden, sie sind Teil unseres demokratischen Miteinanders. Nein, nicht nur Teil, sondern feste Stützen, jedenfalls solange sie sich auf dem Boden unseres Grundgesetzes bewegen. Deswegen müssen wir auch ihr Engagement genauso wie das der Wählervereinigungen und Einzelbewerber und so weiter hier wertschätzen.

Ich bleibe im Monat Mai. Am 1. Mai hat etwas anderes viele Menschen in Wismar bewegt. Die NPD hatte sich für ihren Aufmarsch im nördlichen Teil Deutschlands Wismar ausgewählt. Über 1000 Menschen aus der Mitte der Stadt und unseres Umlandes haben sich gegen Extremismus und Menschenverachtung gestellt - das war gut so und wohltuend, unsere Demokratie hält es aus, dass Rechtsextreme demonstrieren, sie zeigte sich aber auch wachsam. Möge es immer so sein.

Vom Mai lassen Sie uns in den Herbst des Jahres 2019 gehen. Wir haben uns erinnert, erinnert an den Herbst 1989, als wir für Freiheit und Demokratie und gegen Gängelung und Diktatur auf die Straße gingen. Wir haben uns auch an Spaziergänge erinnert, nämlich jene, der Ausreisewilligen in Wismar vor 1989, immer sonntags, was die Stasi damals richtig aufregte. Wir haben uns erinnert an den 18. Oktober 1989 in Proseken, an die erste Großveranstaltung, zu der das Neue Forum im Raum Wismar aufgerufen hatte. Wir haben uns erinnert an den 7. November 1989, als 50.000 Menschen in Wismar auf dem Markt und in den umliegenden Straßen demonstrierten.

Ich glaube, dass es wichtig ist, dass sich die Erinnerung an diese unglaubliche Zeit im Jahr 1989 paart mit der Erkenntnis, dass Freiheit und Demokratie nichts sind, was wir einmal und damit für immer haben, sondern, dass sie immer und immer wieder neu erkämpft werden müssen. Das jedenfalls lehren mich die Zeit 1989, der 1. Mai 2019 in Wismar und in gewisser Weise auch der 26. Mai 2019.

Mitten im Jahr haben wir begonnen auf unseren Weg durch die Zeit, mitten in der Stadt beginnen wir mit unserem Spaziergang, nämlich am Rathaus auf dem Marktplatz. Das Rathaus ist Mittelpunkt, nein, nicht im falsch verstandenen Sinne, aber es ist Ort der Vorbereitung von Entscheidungen und der Entscheidungen selbst, es ist Ort der Begegnung und der Diskussion. Hier werden Konzepte erstellt, in Bürgerforen diskutiert, am Ende oft durch die Bürgerschaft oder durch mich selbst entschieden.

Das Integrierte Stadtentwicklungskonzept konnte zum Beispiel im vergangenen Jahr verabschiedet werden oder das Tourismuskonzept, die Sportförderrichtlinie, die unseren Sportvereinen zu einer besseren finanziellen Basis verhilft, oder der Brandschutzbedarfsplan, der die Schutzziele für Wismar definiert. All´ diese Konzepte, und es ist nur eine Auswahl, die ich Ihnen genannt habe, sind in unterschiedlichen Beteiligungsformen breit diskutiert worden, auch das sind demokratische Prozesse. Gewiss, sie dauern, sind mühsam, manche und mancher werden ungeduldig - Demokratie braucht Zeit und Ausdauer.

Im Rathaus wird entschieden, wird diskutiert - dort wird auch gewählt: Schade, dass zumindest bei einer Wahl die Beteiligten nicht den Mut zur Transparenz bezüglich ihres Wahlbündnisses hatten.

Wir können jedenfalls getrost das Rathaus als Ausgangspunkt unseres Spaziergangs wählen, vielleicht Richtung Marienkirchhof, wo nicht nur der letzte Teil der Straße fertig saniert wurde, sondern auch die Grundfläche des alten Kirchenschiffes selbst neu gestaltet worden ist, auf der Grundlage eines vor einigen Jahren gelaufenen Beteiligungsprojektes, auch hier also waren die Spielregeln der Demokratie für die Akzeptanz des Konzeptes hilfreich.

Wenn wir dann weiter unsere Runde drehen über die Mecklenburger Straße, deren Sanierung ebenfalls nach Beschluss in der Bürgerschaft so gut wie abgeschlossen ist, vorbei an der Integrierten Gesamtschule "Johann-Wolfgang-von Goethe", die durch demokratische Entscheidung des Kreistages saniert wird, wenn wir weiter über die Claus-Jesup-Straße, deren grundlegende Sanierung manch' Gemüt in Wallung brachte, obgleich auch diesem Vorhaben ein langer Entscheidungsprozess einschließlich Diskussion mit den Anwohnern vorausging, hin zum Alten Hafen, dann können wir schon feststellen, dass manch' Neues zu entdecken ist.

Am Hafen wird beispielsweise der Dalbensteg für den Kreuzfahrtanlieger gerade gebaut, die Hülle für das Digitale Innovationszentrum, nämlich das alte Sozialgebäude, nimmt allmählich Gestalt an. Dieses Zentrum ist ein Gemeinschaftsprojekt von Stadt und Hochschule, gefördert vom Land, in der Hochschule befürwortet durch Rektorat und Senat, also auch durch demokratisch verfasste Gremien.

Ich stelle mir vor, dass wir im nächsten Jahr durch den Alten Hafen laufen, dort wird ein großes Gewusel sein, dann wird das Digitale Innovationszentrum eröffnet, der Kruse Speicher wird auch weitestgehend fertig sein, der Thormann Speicher ist im Bau, die Freifläche zwischen Silos und Speichern wird neu gestaltet sein, mit viel Grün, auf der Grundlage eines wiederum demokratischen Beteiligungsprozesses mit Workshop und am Ende Bürgerschaftsentscheidung. Es lohnt sich also neugierig zu bleiben, meine Damen und Herren, neugierig auf das, was im Jahr 2020 geschieht oder 2021.

Wenn Sie nun Ihre Schritte Richtung Bahnhof richten mögen, verehrte Gäste?!

Das Umfeld sieht doch nun wirklich besser dort aus oder? Und das, obwohl die Bahn absolut kein einfacher Verhandlungspartner ist. Mit ihr zu verhandeln, fühlt sich so an, wie mit Europäischer Union, Bund, Land, katholischer und evangelischer Kirche gleichzeitig zu verhandeln, aber sei’s drum, wir haben was geschafft mit dem ebenerdigen, barrierefreien Zugang, den Stellplätzen für Fahrräder und Autos. Und es wird weitergehen. Auf dem Weg zum Bahnhof war schon zu erkennen, dass am ZOB gebaut wird. Auch er soll barrierefrei werden, und der Weg vom Parkplatz hinter dem Lindengarten zur Rostocker Straße wird auch neu gestaltet, damit unsere Landrätin umso einfacher künftig testen kann, ob der ÖPNV in Wismar wirksam verbessert werden konnte.

Vom Bahnhof können wir zur Poeler Straße spazieren. Naja, Spazieren ist wohl der falsche Ausdruck, Slalom gehen oder durch Matsch stapfen, könnte ich eher sagen. Aber ich merke schon, Sie zögern. Das ist verständlich, denn daran mag keiner so richtig denken, weil es im Jahr 2020 ernst wird mit der Unterführung und der damit verbundenen Sperrung. Am Ende aber wird es eine Verbesserung sein für alle. Die Bahn liegt nach wie vor im Zeitplan mit dem Beginn ihres Vorhabens. Übrigens zur Demokratie gehört auch, zu wissen, wer für was verantwortlich ist: Für diese Baumaßnahme ist es die Deutsche Bahn, sie will ihrer Verantwortung auch gerecht werden.

Wir müssen nun aber nicht Richtung Poeler Straße spazieren, wir können gern durch den Lindengarten gehen, und wenn Sie kurz innehalten, können Sie beobachten, wie wohl sich Eichhörnchen dort fühlen. Der Spielplatz dort wird in diesem Jahr ebenfalls komplett umgestaltet. Im Treffpunkt im Lindengarten, kurz TiL, ist Zeit für eine Ruhepause und zum Nachdenken, aber vor allem um miteinander zu quatschen. Wissen Sie eigentlich, dass der Treff durch Initiative des Altstadtbeirates entstanden ist, ein Beirat, der seit Jahren in unterschiedlicher Besetzung die Altstadtentwicklung begleitet, das ist auch eine Beteiligungsmöglichkeit in der Demokratie.

Im TiL treffen sich viele Gruppen, unter anderem auch regelmäßig Neubürger unserer Stadt. An dieser Stelle möchte ich auch jene Bürgerinnen und Bürger begrüßen, die im Jahr 2019 eingebürgert wurden, also die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben, wir haben Sie ebenfalls gezielt zum heutigen Tag eingeladen. Es ist ein demokratisches und verbrieftes Recht, was sie in Anspruch nehmen, und schwer ist der Weg zur deutschen Staatsbürgerschaft allemal.

Und natürlich begrüße ich alle, die neu hinzugekommen sind in Wismar, egal ob Sie auf Dauer oder auf Zeit da sind, ob Sie hier arbeiten, studieren, eine Zuflucht suchen, Ihren Lebensabend verbringen oder eine Familie gründen wollen, Sie sind alle willkommen.

Wir erzählen gern von unserem Zusammenleben, von unseren Regeln, auf deren Einhaltung wir dringen müssen, das geschieht beispielsweise eben auch im TiL. Es lohnt sich, hier noch etwas zu verweilen und ins Gespräch zu kommen. Bürgerbeteiligung ist ja in unserer Stadt, auch in der Bürgerschaft, immer wieder auch im abgelaufenen Jahr sehr engagiert diskutiert worden.

Bürgerbeteiligung wird aber nicht nur diskutiert, sondern auch praktiziert in unserer Stadt. Gleichwohl kann und muss immer wieder nach neuen Formen gesucht werden. Bürgerbeteiligung ist ja gerade nicht, wenn eine Initiative sich immer wieder, auch medial, Gehör verschafft, andere sich aber nicht so artikulieren beziehungsweise beteiligen können. Insofern sind auch immer wieder neue Formen gefragt, denn Bürgerbeteiligung sollte möglichst für alle da sein. Meine Damen und Herren, wenn wir gerade im TiL sind, kann ich auch daran erinnern, dass sich hier viele Vereine treffen. Und es wird dort häufig gefeiert.

Apropos feiern: 2019 konnten wir einige Jubiläen begehen. Ganz zu Beginn des Jahres feierte der Verein "Licht am Horizont" sein zehnjähriges Bestehen. Der Verein hat Vieles zugunsten der Kinder auf die Beine gestellt. Hut ab. So ein Verein hat im Übrigen auch demokratische Spielregeln. Auch wenn er wollte, der Vorsitzende kann nicht alles selbst entscheiden, er braucht Vorstand und Mitgliederversammlung. "Licht am Horizont" steht exemplarisch für so viele Vereine, die in Wismar das Miteinander stärken. Ihnen allen sei Dank gesagt.

Im Oktober vergangenen Jahres feierte zum Beispiel der Kunstverein KaSo sein 15-jähriges Bestehen. Die Aktivitäten im Verein geben Menschen, die lange Zeit ohne Arbeit sind und vermeintlich keine Chance mehr auf einen Job haben, Struktur im Alltag zurück und tragen nicht selten zu einem Wiedereinstieg ins Arbeitsleben bei. Hier ist es mehr als an der Zeit, dass diese Aufgabe zuverlässig finanziert wird.

Weitere Jubiläen gab es: Zonta wurde 25 – hier wird das Rotationsprinzip gelebt, regelmäßig wechseln die Präsidentinnen, der Club tut viel für das Selbstbewusstsein von Frauen und Mädchen.

Richtig schön war das Block-Jubiläum, der Block 17 wurde 50, es hat Spaß gemacht, das zu feiern. Und dass der Block feiern kann, brauche ich in Wismar wohl niemandem erzählen.

Eines der weiter zurückreichenden Jubiläen hatte die Freiwillige Feuerwehr Altstadt, sie wurde 160 Jahre alt. Am Kagenmarkt war die halbe Stadt versammelt. Auch die Freiwillige Feuerwehr ist demokratisch verfasst: Der Wehrführer wird gewählt und durch die Bürgerschaft bestellt. Und dass die Feuerwehrfrauen und -männer für unsere Stadt und auch für unser Umland, wenn es sein muss, Tag wie Nacht zur Verfügung stehen, das haben sie immer wieder unter Beweis gestellt. Danke für dieses Engagement.

Heute begehen wir dann gleich auch ein weiteres Jubiläum, das erste Jubiläum des Jahres 2020, denn der Kirchenladen am Friedenshof wird 20 Jahre alt. Auch diese Einrichtung wirkt in das Quartier hinein und stärkt das Miteinander. Gut, dass es so ist.

Aber bleiben Sie gedanklich noch einmal kurz beim Kagenmarkt, wo die Feuerwehr feierte. Stellen Sie sich jetzt einmal vor, Sie wären vor 20 Jahren das letzte Mal da gewesen und würden heute nach Wismar erstmalig zurückkehren und den Kagenmarkt besuchen. Sie würden dieses Wohngebiet nicht wiedererkennen oder?! Ich bin allen, die daran mitwirkten, wirklich dankbar. Der Kagenmarkt steht irgendwie auch symbolisch dafür, wie sehr sich unsere Stadt verändert hat, oder besser, wie sehr wir sie verändert haben, wir gemeinsam.

Generell lohnt es sich eben, nach Wismar zurückzukehren, denn es hat sich durchaus herumgesprochen, dass man hier gut leben und gut arbeiten kann.

Rückkehrer sind ein Thema in Wismar, nicht nur wegen des Rückkehrertages, der ein gutes Format ist, sondern weil einige von jenen, die in den 90-er und frühen 2000er Jahren gehen mussten, jetzt wieder hier arbeiten - auf der Werft, bei den Zulieferern, bei anderen Unternehmen. Wenn es eine Seele der Stadt gibt, dann tut das dieser Seele wirklich gut!

Die nächste Runde möchte ich nun mit Ihnen an der Lübschen Burg beginnen, dort wo das neue Wohngebiet wächst und wächst, wo wir provisorisch auch einen Pendlerparkplatz errichtet haben, auf dessen Nutzung durch die Werftarbeiter wir dringen werden, und wo auf einem neuen Spielplatz, den wir kürzlich übergaben, Kinder die Schaukeln fliegen lassen. Wir gehen hinunter durch das Köppernitztal, das im Zuge der Erschließung des neuen Wohngebietes aufgewertet wurde. Das war eine sinnvolle Grün-Ausgleichsmaßnahme. Ansonsten werden wir durch Kreis-und Landesbehörden gezwungen, dies eher außerhalb der Stadt zu tun.

Wir spazieren weiter durch den Tierpark, der weiter investieren will und wird, hinein in den Bürgerpark. Hier können wir erstmal ganz langsam weitergehen oder uns auch niederlassen. Denn am Beispiel des Bürgerparks möchte ich etwas ansprechen, was mich und uns auf unangenehme Art und Weise beschäftigt. Weil dort in der wärmeren Jahreszeit viele Leute unterwegs sind und zum Beispiel grillen, was schön ist und so auch sein soll, einige von denen sich jedoch nicht benehmen können, waren wir gezwungen, dort regelmäßig einen Wachdienst einzusetzen, sonst wären Vandalismus und Vermüllung noch stärker.
Gleiches mussten wir am Marienkirchhof tun. Der neu gestaltete Spielplatz "Affentheater" am Friedenshof war Zielobjekt blinder und dummer Zerstörung. Das alles bedeutet letztlich, dass wir künftig für die Sicherheit und Ordnung mehr Geld ausgeben müssen, wie auch immer das organisiert wird. Dazu gehören natürlich auch Erwartungen an die Polizei, mit der wir ansonsten gut kooperieren.

Und ich möchte in diesem Zusammenhang auch noch etwas anderes ansprechen: Sie glauben nicht, welchen Tiraden und Beschimpfungen manchmal Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadt, aber auch zum Beispiel Mitarbeiter von Baufirmen ausgesetzt sind. Sie machen alle ihren Job. Nur weil das für den einen oder für die andere vielleicht mit Einschränkungen verbunden ist, lassen sie ihren Aggressionen freien Lauf.

Warum ist diese Hemmschwelle derartig herabgesetzt? Die sogenannten sozialen Medien, die manchmal alles andere als sozial sind, können das allein doch nicht bewirken. Ich glaube jedenfalls, dass es an der Zeit ist, Grenzen zu setzen, das ist durchaus auch eine Herausforderung an die Gesetzgeber auf allen Ebenen.

Die Bürgerstiftung mit mehr als 1200 Stiftern und Zustiftern beziehungsweise Spendern hat dazu eine Initiative gestartet: "Seid nett zueinander!", so steht es auf ihrem Aufkleber. Das mag naiv klingen, gleichwohl ist es ein Anfang und erinnert daran, zu vernünftigen Umgangsformen grundsätzlich zurückzukehren.

Manchmal denke ich, meine Damen und Herren,

dass Demokratie auch missverstanden wird. Sicher, die Meinung jedes Einzelnen ist gefragt. Am Ende aber gibt es eine Mehrheitsentscheidung, und das kann bedeuten, dass ich mich mit meiner Meinung eben nicht durchsetzen konnte. Das jedoch ist zu respektieren. Darauf aggressiv oder mit dem Vorwurf, das wäre ja eine diktatorische Entscheidung, zu reagieren, zeugt von diesem Missverständnis.

Wir sind weiter im Bürgerpark. Dort wird in diesem Jahr das erste Mal die Hanseschau stattfinden. Das ist für den Veranstalter und für uns Neuland und daher ausdrücklich ein Probelauf. Es wäre schön, er gelänge. Und 2020 werden wir hier ebenfalls eine KUBB-Europameisterschaft erleben!

Wenn Sie nun, meine sehr verehrten Damen und Herren, mit mir einmal auf den Aussichtsturm auf dem ehemaligen Landesgartenschaugelände steigen, können Sie weit ins Umland schauen. Wismar und die Umlandgemeinden werden in den nächsten Jahren enger zusammenwachsen. Wir sind dabei, die sogenannte Stadt-Umland-Vereinbarung neu zu verhandeln, die vor allem die Siedlungsentwicklung, aber auch die Einzelhandelsentwicklung umfasst.

Letztlich geht es darum, voneinander zu profitieren, Alleingänge zu unterlassen und sich gegenseitig jeweils spezifisch Entwicklungsspielräume zuzugestehen. Die Vereinbarung wird, wie sollte es anders sein, dann in jeder Gemeinde demokratisch abgestimmt.

Vom Aussichtsturm können wir aber auch Richtung Werft und in unsere Industrie- und Gewerbegebiete schauen, meine Damen und Herren. Überall tut sich etwas: Neben der Werft erhebt sich der neue Kran, im Haffeld baut die Firma Egger an der zweiten Zufahrt zum Werksgelände, die Planung für die zweite Leimfabrik schreitet voran, den Verkehrsproblemen im Haffeld werden wir uns gemeinsam mit den Unternehmen verstärkt widmen müssen. Die Gewerbeflächen in unserer Stadt sind weitestgehend vermarktet, Friesland-Kabel ist einer der Neuansiedler, Rücker hat sich erweitert, Schottel hat zu kämpfen, setzt mit Investitionen und Ausbildung aber auch Zeichen. Die Unternehmen insgesamt treiben die Entwicklung voran, da ist es wichtig, dass wir 2020 mit dem Großgewerbegebiet Kritzow am Autobahnkreuz beginnen!

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

vom Bürgerpark aus, hätten wir jetzt zwei Möglichkeiten für Spaziergänge, einmal Richtung Friedenshof und Wismar Süd oder Richtung Wendorf. Gingen wir Richtung Friedenshof, würden Sie erkennen, dass sich die Genossenschaften dort engagieren, dass das Krankenhaus weiter investiert hat, Stichwort Kinderklinik, dass die Wohnungsbaugesellschaft ihre Wohnblöcke aufgewertet hat und Vieles mehr.

Und eins darf ich heute auch verraten: Die Wohnungsbaugesellschaft hat sich entschieden, die alte Mensa zu kaufen. Das wäre ja schade, wenn dieser Müther-Bau langsam untergehen würde. Großartig, dass der Aufsichtsrat diese Entscheidung mit getroffen hat und die Herausforderung der Sanierung annimmt.

Am Friedenshof konnten wir die sanierte Sportfläche des Kurt-Bürger-Stadions übergeben. Es wird dort mit Investitionen weitergehen, und auch die große Sport-und Mehrzweckhalle wird jetzt saniert. Das wird für alle ein deutlicher Fortschritt. Trotzdem, hier verläuft das Ganze recht langsam, in der Tat. Das ist der Nachteil, wenn wir uns an strenge Regeln der Förderprogramme zu halten haben.

Ich werde jetzt nicht mehr auf die Presseberichterstattung darüber eingehen, Redakteure sind nun mal nicht fehlerfrei und müssen auch Kritik abkönnen, so wie ich es auch tun muss. Wenn jedoch beim Bund 14 Milliarden Euro nicht abgerufener Mittel "liegen", das ist mir jetzt viel wichtiger, dann muss das doch möglicherweise auch damit zu tun haben, dass manch' Regeln eben viel zu kompliziert sind und die Kapazitäten der Bearbeitung zu gering sind. Dieses kritisch zu begleiten, vor allem erstmal den Zusammenhang zu einem Projekt vor Ort herzustellen, könnte doch auch eine lohnenswerte Aufgabe öffentlicher Berichterstattung sein oder?

Mir scheint, hier sind zwei Themen miteinander verknüpft: Zum einen, das Thema Geld. Die Kommunalfinanzierung hat uns 2019 extrem beschäftigt. Herausgekommen ist ein Gesetz, was insgesamt eine Verbesserung darstellt, zweifelsohne. Aber die Abhängigkeit von Förderprogrammen bleibt eben.

Das andere Thema ist das Thema Medien, die sogenannte vierte Gewalt in der Demokratie. Ich finde, Folgendes wäre auch mal einen öffentlichen Diskurs durchaus auch auf lokaler Ebene wert. Dabei geht es mir jetzt ganz und gar nicht um Kritik oder Nichtkritik. Vielmehr geht es um Verwurzelung im Ort.
Wäre es nicht durchaus zu diskutieren, ob örtlich verwurzelte Medienberichterstattung in einer sich unaufhaltsam globalisierenden Welt einen guten und hilfreichen Kontrapunkt darstellen könnte? Verwurzelung allerdings setzt Interesse im Wortsinn, Inter - esse, Mitten - drin - sein, voraus. Ich fände eine Diskussion darüber sinnvoll! Was einem auf so einem Aussichtsturm nicht alles in den Sinn kommt, nicht wahr?

Würden wir den Friedenshof nun hinter uns lassen, gelangten wir nach Wismar Süd. Dort wächst das Wohngebiet am Klußer Damm. Im Wiesenweg hat sich auch eine unserer Genossenschaften mit einem Neubau engagiert. Die Friedhofsverwaltung arbeitet an einem neuen Konzept, weil sich die Bestattungskultur sehr verändert hat. Die Evangelische Schule konnte ihren Neubau in Besitz nehmen. Auch im ökologischen Schulungszentrum wurde durch die AWO investiert, es ist ein von Kindern und Jugendlichen gern genutztes Zentrum.

Die zweite Option eines Spaziergangs vom Bürgerpark würde uns Richtung Wendorf führen. Wir würden ordentlich ausschreitend Richtung Seebad Wendorf gehen, vorbei am Gebäude der Wendorfer Kirchengemeinde, die sich jetzt Johannes-Gemeinde nennt und die mit einem Kirchengemeinderat, wie alle anderen Kirchgemeinden auch, ebenfalls demokratische und ehrenamtliche Strukturen hat. Vorbei gehen wir auch an der Ostseeschule, die ein phantastisches Weihnachtsprogramm aufführte und sehr viel für Integration in unserer Stadt leistet. Auch das Wohngebiet im Seebad wächst, den dortigen Spielplatz "Leuchtturm" übergaben wir in der ersten Jahreshälfte an die Kinder.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

vielleicht waren wir jetzt nicht in allen Wohngebieten und Quartieren unterwegs. Es soll ja auch noch Raum bleiben für weitere Spaziergänge für Sie im Laufe des Jahres. Es lohnt sich, es lohnt sich vor allem auch zu zweit, dritt oder viert loszugehen oder auch offen für Gespräche und Begegnungen zu sein.

2019 haben ganz unterschiedliche Träger und Institutionen zum Tag des Nachbarn eingeladen. Ich habe es gern unterstützt. Vielleicht gelingt es 2020, daran noch mehr Menschen zu beteiligen. Denn die Entwicklung in unserer Stadt, die uns herausfordert, verändert auch unsere Stadtgesellschaft. Sie wird vielfältiger, bunter, internationaler.

Mehrfach sind wir im vergangenen Jahr nach Papenburg aufgebrochen, weil diese Stadt vor gleichen Herausforderungen stand wie wir jetzt. Sie haben das dort gut gemeistert, zum Beispiel auch mit viel Unterstützung vom dortigen Landkreis. Aber vor allem dadurch, dass die dortige Stadtgesellschaft selbst die damalige Entwicklung als Chance gesehen hat.

Als wir im Herbst in Papenburg mit einem Bus voller unterschiedlicher Wismarerinnen und Wismarer besuchten, hatte ich das Gefühl, dass der allergrößte Teil auf der Rückfahrt im Bus unsere aktuelle Entwicklung in der Stadt ebenfalls als Chance für Wismar begreift. Und Chancen sind dazu da, sie zu nutzen. Tun wir das, gern gemeinsam.

Liebe Gäste unseres Neujahrsempfangs,

das Jahr 2019 war noch viel reicher, als ich es schildern konnte, viel, viel reicher. Zwei neue Kindertagesstätten haben wir eröffnet, Kitaplätze sind - die noch zu bauende Einrichtung des DRK eingeschlossen - jetzt ausreichend da. Das Werfthotel wurde ebenfalls eröffnet. Und von der Entwicklung konnten auch Langzeitarbeitslose, die dank guter Förderung beispielsweise im EVB arbeiten, profitieren und, und, und…. Es war ein gutes Jahr für Wismar.

Wir haben es auch haushaltsmäßig gut abgeschlossen. Denn das vorläufige Finanzergebnis besagt, dass wir einen positiven Saldo der ordentlichen und außerordentlichen Ein-und Auszahlungen zum 31.12.2019 in Höhe von immerhin gut 10 Millionen Euro haben. Gewiss, darin stecken Konsolidierungs- und Entschuldungshilfen. Wenn man die und die planmäßige Tilgung abzieht, ist es immer noch ein positives Finanzergebnis von gut 800.000 Euro. Und obwohl wir weiter kräftig investieren, konnten wir den Stand unserer laufenden Investitionskredite immerhin auf unter 85 Millionen Euro drücken. So gehen wir mit guten finanziellen Grundlagen ebenfalls ins neue Jahr.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Gäste,

das Jahr 2020 und auch die Folgejahre werden auch in Wismar, neben der wirtschaftlichen Entwicklung und vielfältigen Wohn- und Bildungsbedürfnissen, von Digitalisierung, Internationalisierung und auch von der Energiewende, vom Thema Klimaschutz geprägt sein. Vom Digitalen Innovationszentrum sprach ich ja bereits. Der Landkreis Nordwestmecklenburg bemüht sich auch um die Breitbandversorgung in unserer Stadt.

Die Stadt, auch die Schulen werden zunehmend digitalisiert. Gleiches gilt für die Verwaltung. Unternehmen, Arbeitskräftebedarf, Tourismus und Hochschule tragen maßgeblich zur Internationalisierung bei. Unsere Städtepartnerschaften sind lebendig. Auch sie sind Teil unseres internationalen Netzwerkes. Die Stadtwerke widmen sich neben der Energieversorgung zum Beispiel auch verstärkt dem Thema E-Mobilität.

Wir werden die Infrastruktur mit der neuen Werftstraße zum Beispiel, der neuen Grundschule, dem Kreuzfahrtanleger sowie weiteren Wohngebieten weiterentwickeln. Das Integrierte Verkehrsentwicklungskonzept, das wir aufstellen werden, wird alle Verkehre berücksichtigen, gerade auch den Fahrradverkehr und es wird breit diskutiert werden. Es wird sich lohnen, auch 2021, 2022 und 2023 immer wieder Spaziergänge durch Wismar zu unternehmen.

Die Stadt wird ihren unverwechselbaren Charakter, ihren Charme behalten, anziehend für Wirtschaft und Tourismus bleiben und zusätzlich moderner, vernetzter, grüner werden. Sie wird vor allem aber lebendig und attraktiv bleiben, um hier zu leben, zu arbeiten und zu lernen.

Meine Damen und Herren,

viele gute Wünsche zum Weihnachtsfest und zum Jahreswechsel erreichten meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Frau Senatorin Bansemer, Herrn Senator Berkhahn und mich. Danke dafür.

Meine Wünsche für das Jahr 2020 verpacke ich zum Abschluss in einer kleinen Geschichte:

Es ist eine Geschichte von Stephen Covey - übersetzt aus dem Englischen:

Ein Professor stand vor einem Kurs BWL-Überflieger und sagte: "Ok, Zeit für ein Rätsel." Er stellte ein großes Glas auf den Tisch, holte etwa ein Dutzend faustgroßer Steine hervor und legte vorsichtig einen nach dem anderen in das Glas. Als das Glas bis zum Rand gefüllt war und keine weiteren Steine hineinpassten, fragte er: "Ist das Glas voll?" Alle sagten, "ja". "Wirklich?", fragte der Professor und holte einen Beutel voller Kieselsteine hervor, gab ein paar in das Glas und schüttelte das Gefäß, bis die Kieselsteine nach und nach den Platz zwischen den Steinen ausfüllten.
Er lachte und fragte die Studenten ein weiteres Mal: "Ist das Glas voll?" Dieses Mal überlegten sie, und einer von ihnen antwortete: "Vermutlich nicht." "Gut!", antwortete der Professor, griff unter den Tisch, holte einen Beutel Sand hervor und füllte auch ihn in das Glas. Der Sand rieselte zwischen die Steine und Kiesel, bis er alle Zwischenräume ausgefüllt hatte. Wieder fragte der Professor die Studenten: "Ist das Glas voll?" "Nein", riefen die Studenten. Wieder antwortete der Professor: "Gut"
Dann nahm er einen Krug voller Wasser und goss es in das Glas, bis es bis zum Rand gefüllt war. Er sah auf und fragte: "Was ist nun der Sinn dieses Experimentes?" Ein übereifriger Student hob die Hand und sagte: "Der Sinn dieses Experimentes ist es, zu zeigen, dass – egal, wie voll dein Zeitplan ist – du immer noch etwas einfügen kannst!"
"Nein", sagte der Professor. "Was uns dieses Experiment lehrt, ist, dass - wenn du die faustgroßen Steine nicht zuerst ins Glas legst - du niemals Platz für sie haben wirst."

Was also sind die großen Steine in Ihrem Leben? Ein Traum, den Sie schon immer mal verwirklichen wollten? Zeit mit der Familie? Mit Freunden? Ihr Job oder Ihre Hobbys? Vergessen Sie nicht, die großen Steine zuerst zu platzieren in Ihrem Leben - sonst werden sie keinen Platz darin finden.

Ich würde dem noch hinzufügen, dass für uns als Stadt die großen Steine Gemeinsinn, Unternehmergeist, Toleranz im Miteinander und Freude an der Vielfalt und der Gestaltung der Stadt und der Stadtgesellschaft sein können.

In diesem Sinne und im Sinne der Geschichte wünsche ich Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, alles erdenklich Gute im neuen Jahr 2020. Vielen Dank!

Quelle: Pressestelle der Hansestadt Wismar