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08.11.2019

30 Jahre Friedliche Revolution - Gedanken des Erinnerns

Wismars Bürgermeister Thomas Beyer berichtet in seiner Rede anlässlich der Erinnerungsveranstaltung "30 Jahre Friedliche Revolution" vom Herbst 1989 in der Hansestadt, von der Großdemonstration auf dem Marktplatz, von den Vorbereitungen, den Ängsten und den Hoffnungen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
heute vor 30 Jahren stand ich nicht hier drinnen im Rathaus. Draußen war ich, waren wir, auf dem Marktplatz. Ein Teil von vielen waren wir. Ein Teil von einem großen Ganzen, so hab ich es damals jedenfalls empfunden.

Die Demonstration am 7. November 1989 war gigantisch, aber auch etwas chaotisch. Wir als Organisatoren waren durchaus etwas überfordert. So erinnere ich mich daran. Ich bin gespannt auf die Erinnerungen der anderen, denn wir hören nachher ja noch weitere Zeitzeugen. Und ich bin wirklich froh, lieber Franz-Norbert Kröger, liebe Rosmarie Kalf, lieber Hans Kreher, lieber Wolf-Dieter Aust, dass Ihr Euch bereit erklärt habt, etwas zu sagen und uns Eure Erinnerungen mitzuteilen heute Abend. Beziehungsweise Du, liebe Rosi, hast es mir aufgeschrieben, und ich werde es vortragen. Und ich habe schon gesehen, dass weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter von damals ebenfalls heute hier sind. Schön ist das.

Seit Wochen begleiten mich intensiv die Erinnerungen an diese Zeit September bis November 1989. Ich will davon und wie ich dahin kam, aus meiner Perspektive erzählen und gar nicht erst den Versuch machen, irgendetwas einzuordnen oder zu abstrahieren.

Nur eins will ich dazu sagen, wenn heute eine bestimmte politische Kraft davon spricht, die Wende vollenden zu wollen, dann ist dieser Vergleich zwischen 1989 und heute einfach lächerlich. Wir haben uns damals gegen eine Diktatur einer einzelnen Partei gestellt, gegen ein System, dass auch totalitäre Züge trug. Das ist mit der politischen Situation heute überhaupt nicht vergleichbar.
Und noch etwas sei hinzugefügt, die Protagonisten derjenigen, die heute eine Vollendung der Wende wollen, schließen Gewalt nicht aus, sondern ausdrücklich als Option ein. Wir blieben damals friedlich. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Auch darauf bin ich stolz.


Ich will also aus dieser Zeit erzählen, aus meiner Perspektive und tue das auch, weil ich davon überzeugt bin, dass es nicht die eine Geschichte der friedlichen Revolution gibt, sondern, dass es viele Geschichten sind, die viele zu erzählen haben, aus unterschiedlichsten Perspektiven:
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
warum sich immer mehr Gruppen in der DDR zusammenfanden, deren Mitglieder einfach keine Lust mehr hatten, sich mit dem Bestehenden abzufinden, mag zum einen mit den Verhältnissen, die immer weniger erträglich waren, zusammenhängen, gewiss, zum anderen damit, dass einer nach dem anderen, eine nach der anderen ihre Angst überwand. Das war etwas besonders Beglückendes, dass dies geschah.

Bei mir war das endgültig erreicht, nach dem ich in Voßkuhl am 9. Oktober 1989 im Haus von Fritz Kalf war, wo wir uns erstmalig im Raum Wismar als Neues Forum zusammen fanden. Noch am Morgen war ich an der Uni in Rostock, verrichtete dort Bibliotheksdienst und wurde gewarnt, "zu dieser illegalen Veranstaltung in der Nähe von Wismar zu fahren". Bis heute weiß ich nicht, ob diese Warnung freundschaftlich oder als Drohung gemeint war.

Etwa 20 Leute hatten Rosi und Fritz Kalf erwartet, vielleicht 25, aber nicht weit mehr als 100 beziehungsweise gar 150. Natürlich auch reichlich durchsetzt von Stasispitzeln. Im Laufe des Tages war noch ein Gerücht umgelaufen. Militärfahrzeuge seien unterwegs, auch Richtung Voßkuhl, zu unserem Treffpunkt. Keine Ahnung, ob dies gezielt gestreut oder ausgedacht war oder eher aus Furcht geboren wurde. Mit Voßkuhl war für mich jedenfalls die Angst aufgelöst. Das war erst ein Gefühl!

Es folgte Proseken am 14. Oktober mit einer überfüllten Kirche und der Volkspolizei, der nichts anderes übrig blieb, als den Verkehr dorthin zu regeln. Wer weiß, vielleicht tat es der eine oder andere Vopo sogar gern. In Proseken fand diese Veranstaltung statt, weil wir zu diesem Zeitpunkt in einer Wismarer Kirche noch nicht willkommen waren. Doch das änderte sich.

Es kam der 31.10.1989. Pastor Brückner hielt erst einen Gottesdienst zum Reformationstag in verkürzter Form, für seine Verhältnisse sehr kurz. Die Nikolai-Kirche in Wismar war ebenfalls völlig überfüllt. Die Rede, die ich halten wollte, habe ich vorher der kritischen Beurteilung des Sprecherrats vom neuen Forum unterworfen. Schließlich wollte ich nicht für mich allein sprechen. Ich werde nie vergessen, dass ich mich für meinen Angriff auf die führende Rolle der SED in dieser Runde ziemlich stark rechtfertigen musste. Das würde zu weit gehen, wurde mir von einigen entgegen gehalten. Schlussendlich blieb der Satz drin.

Das ist Zeitkolorit, meine Damen und Herren. Ein solches Dogma anzugreifen, ließ auch in jener Zeit manch einen tief Luft holen, weil es zu gefährlich schien, obwohl die meisten durchaus wussten, dass es richtig war, dies zu tun.

Auch der Abend in der Nikolai-Kirche war für mich ein Riesenereignis. Wovon wir damals träumten, so hatte ich es in der Rede formuliert, das würde ich auch heute noch unterschreiben. Allerdings über meinen letzten Satz in der Rede stolpere ich immer wieder. Er lautete: "Und wir bleiben auf dem Weg, auf dem Weg, dessen Ziel wir nicht kennen."

Ehrlich war dieser Satz gewiss. Zwar wussten wir, was wir wollten, aber was am Ende stehen würde, wussten wir nicht. Demokratie, Freiheit, freie Presse, Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, Ehrlichkeit - ja, all das wollten wir, das war klar. Aber all das galt wohl eher für eine reformierte DDR.

Ich weiß noch, dass mir in Nikolai durch den Kopf ging, was vorher alles in Wismar geschehen war: Die Spaziergänge der Ausreisewilligen auf dem Marktplatz zum Beispiel. Sie waren der Stasi damals ein Dorn im Auge, und es waren viele Ausreisewillige, die die DDR und auch Wismar verlassen wollten. Oder das Ökumenische Zentrum für Umweltarbeit unter dem Dach der Kirche in der Bliedenstraße; auch jenes war massiv von der Stasi unterwandert. Gleichwohl hat es einige Leute durchaus geprägt. Oder die Kommunalwahlen am 6. Mai 1989, die eindeutig und nachweislich gefälscht waren. Dass nicht 99 Prozent Zustimmung gegeben wurde für die Kandidaten der Nationalen Front, sondern vielleicht nur 95 oder 90, das war den damaligen Machthabern offenbar unerträglich. Rechtsstaalichkeit war das ganz und gar nicht!

Mir ging auch in Nikolai durch den Kopf, was mich persönlich prägte: meine Eltern, die Kirche, viele Freundinnen und Freunde, absolut wichtige Bücher, zum Beispiel von Václav Havel "Versuch, in der Wahrheit zu leben", oder von Wolfgang Leonhard "Die Revolution entlässt ihre Kinder". Gerade Havel, der der Frage nachging, warum der Gemüsehändler in Prag zwischen seine Möhren und Kartoffeln das Schild "Proletarier aller Länder vereinigt euch" hängte und von einem posttotalitären System sprach und als Ausweg eben gerade den Versuch, in der Wahrheit zu leben sah. Womit nichts anderes gemeint war, so ein Schild eben nicht zwischen das Gemüse zu hängen.

Namentlich Havel also hat mich tief berührt, weil er die Wirkungsweise eines totalitären Systems oder wie er eben sagte, posttotalitären Systems, gut herausarbeitete. Denn dieses System machte aus jeder Banalität einen Bekenntnisakt. Die Möhren mochten noch so faulig sein, Hauptsache, das Schild mit dem Zitat aus dem kommunistischen Manifest hängt dort.

Und Wolfgang Leonhard beschrieb die Anfänge der DDR aus seiner Perspektive, denn er war mit dabei, in der sogenannten Ulbricht-Gruppe, die im sowjetischen Auftrag die Machtübernahme vorbereitete, und diese Perspektive entsprach so ganz und gar nicht dem  Geschichtsunterricht in der Schule und der offiziellen Ideologie der DDR.

Nikolai, meine Damen und Herren, war schon sehr bewegend. Nicht alle Menschen, die hinein wollten, kamen hinein. So viele wollten dabei sein. Der Stein war ins Rollen gekommen. Jetzt durfte er nur nicht mehr aufgehalten werden. Auf unserer Veranstaltung in St. Nikolai trug Monika Stein aus Tressow ein Gedicht vor, dass das Misstrauen ausdrückt gegenüber dem scheinbaren Entgegenkommen der damaligen DDR-Oberen, und das deutlich macht, dass wir uns nicht täuschen lassen wollten.

Ich zitiere dies Gedicht. Es ist abgedruckt in dem Buch von Sven Abrokat "Politischer Umbruch und Neubeginn in Wismar von 1989 bis 1990":


„Im Lande weht ein neuer Wind
Geschwind, geschwind
Gleich heute wird zum Dialog geblasen
Dampf ablassen, Dampf ablassen
Die gestern noch als Staatsfeind Dich heruntermachten,
Die wollen Dich heute schon als Partner achten.
Da ist was faul im Staate!
Warum denn,
Solln wir heute gerade glauben, dass sie es ehrlich meinen?
Vielleicht die einen.
Andere dafür nicht.
Ich habe Angst, dass man zuviel verspricht.
All unsere Gebete in den Wind?
Nein! Nicht solange wir die Massen sind!“


Soweit, meine Damen und Herren, dieses Gedicht.

Ich glaube, bis zum 7.11. trafen wir uns jeden Abend beziehungweise jeden Tag. Schmiedeten Pläne, verarbeiteten die aufregenden Nachrichten, bereiteten thematische Arbeitsgruppen vor, bemalten Transparente, und, und, und. Dann kam der 7. November 1989. Auf dem Markt, in allen Seitenstraßen, soweit man blicken konnte, Menschen, Menschen, Menschen. Sie waren aus Wismar, sie waren aus der Umgebung, sie waren aus anderen Städten. Viele trugen Transparente. Die Sprüche waren witzig und ja auch bissig. Zimperlich mit Worten waren wir damals nicht. Viele derer, die da waren, trugen Kerzen. Ja, es war chaotisch. Ja, es war aber auch großartig. Die friedlichen  Kerzen in der ganzen DDR hatten die DDR-Regierung gestürzt, auch das geschah am 7. November 1989. Vor allem aber, diese Friedlichkeit des Protestes ist etwas, was ich nicht missen möchte, auch heute nicht.

Vielen Dank!

Quelle: Pressestelle der Hansestadt Wismar

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