Biografien zu den verlegten Stolpersteinen
Gertrud Bernhard, geborene Haendel
13. Januar 1875 – 16. Mai 1944
Wohnort: Am Schilde 4
Schicksal: Ermordet im KZ Auschwitz
Kurzbiografie:
„Vor dem Haus standen eine alte Linde und eine Bank, auf der abends die Nachbarn saßen und klönten. (…) Ich kann mich eigentlich nicht erinnern, dass es von den Anwohnern Am Schilde irgendwelche Aversionen gegen die Familie Bernhard gab. Es war eine normale Nachbarschaft mit Guten Tag und Guten Weg.“
(Aus den Erinnerungen von Hans G. Koch an die Familie Bernhard vor der nationalsozialistischen Verfolgung.)
Gertrud Haendel wurde in Landsberg an der Warthe geboren. Sie war jüdischer Abstammung und heiratete 1897 den jüdischen Kaufmann Paul Bernhard. Das Ehepaar zog nach Wismar und übernahm die Wolle- und Produktionshandlung mit Gerberei in der Straße Am Schilde 4, die zuvor Paul Bernhards Vater geführt hatte.
Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1930 wurde Gertrud Bernhard Inhaberin des Betriebs. Wie lange sie diesen noch führte und in welchem Umfang sie bereits den Repressalien der Nationalsozialisten ausgesetzt war, lässt sich heute nicht genau feststellen. 1935 waren Geschäft und Grundstück bereits an Nachbarn verkauft.
Ihrem Sohn Herrmann gelang es 1939, Deutschland zu verlassen und nach China zu emigrieren. Gertrud Bernhard wurde später in Wismar verhaftet und am 12. Januar 1943 mit dem Transport I/83 von Berlin in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Nach ihrem Weitertransport nach Auschwitz am 16. Mai 1944 verliert sich ihre Spur.
Verlegung des STOLPERSTEINS:
Für Gertrud Bernhard wurde am 15. Juli 2008 vor dem Haus Am Schilde 4 ein Stolperstein verlegt. Die Patenschaft übernahm Maren Schmidt.
Zum Weiterlesen
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Falk Bersch: Stolpersteine in Wismar. Wismar, 2018.
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Michael Buddrus / Sigrid Fritzlar: Juden in Mecklenburg 1845–1945. Band 2: Kurzbiografien. Schwerin, 2018/2019, Seiten 63, 64, 67.
Herrmann Bernhard
10. März 1901 – 20. Dezember 1966
Wohnort: Am Schilde 4
Schicksal: Überlebt
Kurzbiografie
„1939 wanderte ich wegen der Judenverfolgung durch die Nazis nach Schanghai, China, aus.“
(Aus einem Lebenslauf Herrmann Bernhards, 1950)
Herrmann Bernhard wurde 1901 als Sohn von Paul und Gertrud Bernhard in Wismar geboren. Die Familie war jüdischer Abstammung und praktizierte den jüdischen Glauben. Nach seiner Schulzeit arbeitete er zunächst in der Wolle- und Produktionshandlung seines Vaters, später in einer Ziegelei in Schwerin.
In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurde Herrmann Bernhard verhaftet und in die Strafanstalt Neustrelitz-Strelitz eingeliefert. Erst im Frühjahr 1939 kam er wieder frei. Er kehrte zu seiner Mutter nach Wismar zurück und arbeitete in der Dachpappenfabrik Eggert. Am 12. August 1939 gelang ihm die Flucht nach Schanghai, wo er Asyl fand. Seine Mutter wurde 1942 deportiert und 1944 im KZ Auschwitz ermordet.
In Schanghai überlebte Herrmann Bernhard den Zweiten Weltkrieg. Er schlug sich als Lagerarbeiter und Zeitungsjunge durch. 1947 kehrte er nach Wismar zurück. Dort arbeitete er in verschiedenen Berufen, unter anderem in der Stadtverwaltung und ab 1949 als Betriebspolizist bei der Wismarer Werft. 1950 heiratete er Gertrud Ruttloh.
Um 1963 verlor Herrmann Bernhard aufgrund politischer Vorwürfe der „Unzuverlässigkeit“ seine Stelle bei der Betriebspolizei. Mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter Petra zog er im Herbst 1966 nach Dresden. Kurz darauf verstarb er dort.
Verlegung des Stolpersteins
Für Herrmann Bernhard wurde am 16. Februar 2019 vor dem Haus Am Schilde 4 ein Stolperstein verlegt. Die Patenschaft übernahmen Petra Milatz und Maren Schmidt.
Zum Weiterlesen
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Michael Buddrus / Sigrid Fritzlar: Juden in Mecklenburg 1845–1945. Band 2: Kurzbiografien. Schwerin, 2019, Seiten 63, 64, 67.
Familie Blass
Wohnort: ABC-Straße 14
Schicksal: Überlebt, Emigration in die Vereinigten Staaten von Amerika
Kurzbiografie
„Mitten in der Nacht erwachten meine Eltern von lautem Getöse und klirrenden Fenstern. Aus dem Fenster sahen sie, dass Sturmabteilung-Männer wie Vandalen im Schuhgeschäft Blass wüteten: Glas zerschlugen, Schuhe auf die Straße warfen und Mobiliar zerstörten. Meine Eltern waren entsetzt, erwarteten jeden Augenblick die Polizei und konnten nicht begreifen, dass niemand eingriff. Am nächsten Tag war schnell bekannt, dass dieser „Einsatz“ kein Einzelfall war.“
(Aus den Erinnerungen einer Wismarer Bürgerin an die Reichspogromnacht am 9. November 1938)
Um das Jahr 1920 zog Max Blass aus dem östlichen Polen nach Wismar. Am 15. Dezember 1920 heiratete er Jenni Fischel. Kurz darauf eröffnete er in der Sargmacherstraße 9 eine Schuh- und Kleiderhandlung. Etwa 1923 zog die Familie mit dem Geschäft in die Mühlengrube 36. 1927 kam mit Paula das dritte Kind zur Welt. Danach verlegte Max Blass seine Geschäftsräume in die ABC-Straße 14 und zog mit seiner Familie in die Wohnung über dem Laden. Das Geschäft war in Wismar beliebt – auch ärmere Menschen konnten sich dort etwas leisten. Die Familie Blass gehörte zur Israelitischen Gemeinde in Schwerin.
Schon früh litten die Kinder der Familie unter antisemitischen Übergriffen. Bernhard Blass, geboren 1927, besuchte von 1927 bis 1931 die Volksschule in Wismar und wechselte danach auf das Gymnasium in der Großen Stadtschule. Dort wurde er von Mitschülern und Lehrern aufgrund seiner jüdischen Herkunft drangsaliert. Schließlich musste er die Schule verlassen und wechselte nach Hamburg auf die Talmud-Thora-Schule, die er bis 1937 besuchte. Auch sein Bruder Ernst war von 1934 bis 1938 dort Schüler. Paula Blass besuchte bis zur Reichspogromnacht die Mädchen-Mittelschule, die seit 1933 Adolf-Hitler-Schule hieß (heute Fritz-Reuter-Schule). Auch sie wurde ausgegrenzt.
Am 1. April 1933 organisierte die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei den reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte. Auch das Geschäft der Familie Blass war betroffen: Sturmabteilung-Männer postierten sich mit Plakaten vor dem Laden in der ABC-Straße 14, um Kundinnen und Kunden vom Einkauf abzuhalten. Auch die Presse hetzte: So forderte der Niederdeutsche Beobachter am 18. Juli 1935, man solle „einen großen Bogen um das Geschäftshaus des kleinen Juden in der ABC-Straße machen“.
Ab Mitte 1938 mussten Max und Jenni Blass die zusätzlichen Vornamen Israel und Sara tragen. In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde das Geschäft von Sturmabteilung-Männern zerstört. Max Blass musste die Verwüstung weinend mit ansehen. Am 10. November 1938 wurden er und sein Sohn Ernst verhaftet und in die Strafanstalt Neustrelitz-Strelitz gebracht. Ernst, damals 15 Jahre alt, war der jüngste unter 175 in Mecklenburg inhaftierten Juden. Vermutlich kam er schon wenige Tage später wieder frei. Max Blass kehrte erst Mitte Dezember nach Wismar zurück.
Die Familie entschloss sich zur Auswanderung:
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Bernhard Blass reiste am 1. Juni 1937 von Hamburg aus per Schiff nach New York.
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Ernst Blass floh am 22. Dezember 1938 zusammen mit seiner elfjährigen Schwester Paula nach New York.
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Nach Max Blass’ Haftentlassung verließen auch er und seine Frau Jenni im April 1939 Deutschland. Über England gelangten sie ebenfalls in die Vereinigten Staaten.
1940 lebte die gesamte Familie Blass wieder vereint in New York.
Verlegung der Stolpersteine
Für die Familie Blass wurden am 27. Juni 2015 vor dem Haus in der ABC-Straße 14 fünf Stolpersteine verlegt. Die Patenschaft übernahm der Verein Kaso e. V.
Zum Weiterlesen
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Falk Bersch: Stolpersteine in Wismar. Wismar, 2018.
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Michael Buddrus / Sigrid Fritzlar: Juden in Mecklenburg 1845–1945. Band 1: Texte und Übersichten. Schwerin, 2019, S. 355 ff., 362, 378, 488 ff.
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Edith Krüger: „Wat de Oltschäulers schriewen“, in: Mitteilungsblatt der Altschülerschaft Wismar, Nr. 95, Sommer 2001, S. 61 f.
Familie Rosenberg
Wohnort: ABC-Straße 11
Schicksal: Ermordet in der Shoah
Kurzbiografie
Vor dem Gebäude in der ABC-Straße 11 liegen heute fünf Stolpersteine. Sie erinnern an Fischel und Beyla Rosenberg sowie ihre Kinder Ida, Gerda und Ignaz.
Die Familie führte ab Mitte der 1920er-Jahre ein Schuh- und Bekleidungsgeschäft in der ABC-Straße 26. Bereits in der ersten Jahreshälfte 1935 musste Fischel Rosenberg das Geschäft aufgeben. Repressalien und Boykottmaßnahmen der Nationalsozialisten führten dazu, dass Kundinnen und Kunden fernblieben. Die Umsätze brachen ein, geschäftliche und private Rechnungen konnten nicht mehr bezahlt werden.
Im April 1935 reiste Fischel Rosenberg nach Polen, um Geld von seiner Familie zu leihen. In Warschau erkrankte er schwer. Ärzte stellten ein psychisches Leiden fest, vermutlich ausgelöst durch die Belastungen und Verfolgung in Wismar. Er blieb unter ständiger ärztlicher Beobachtung und Pflege. Da er selbst zu geschwächt war, informierte nicht er, sondern die Schwester seine Frau über seinen Zustand.
Damit trug nun Beyla Rosenberg allein die Verantwortung für ihre Kinder und das Geschäft. Sie wandte sich hilfesuchend an den Wismarer Kaufmann und Revisor Wilhelm Ihden, der am 6. Mai 1935 mit einer Amtsperson das Warenlager inventarisierte. Am 14. Mai setzte ihn das Amtsgericht Wismar als Konkursverwalter ein. Zu diesem Zeitpunkt hatte Beyla Rosenberg ihren Haushalt bereits aufgelöst und war mit den Kindern nach Warschau gereist.
Ihden wickelte das Konkursverfahren ab. Er stellte klar, dass es keinerlei Hinweise auf betrügerisches Handeln durch Fischel Rosenberg gab. Dennoch wurden die Angestellten entlassen, und die Konkursmasse – das Schuh- und Bekleidungsgeschäft mit Warenlager – wurde im Niederdeutschen Beobachter und im Völkischen Beobachter als „günstige Gelegenheit zur Existenzgründung für Parteigenossen“ angeboten. Am 16. Juli 1935 entschied der Gläubigerausschuss einstimmig, das Geschäft für 300 Reichsmark an den Kaufmann Wilhelm Lau aus Hagenow zu verkaufen. Damit war das Lebenswerk von Fischel Rosenberg zerstört und sein Geschäft zu einem Spottpreis an einen Nationalsozialisten übergegangen.
Beyla und Fischel Rosenberg zogen später von Warschau nach Radom in Polen. Dort lebten sie auch während des Krieges. Beide wurden vermutlich in der Shoah ermordet.
Verlegung der Stolpersteine
Für die Familie Rosenberg wurden am 9. November 2022 fünf Stolpersteine verlegt. Die Patenschaft übernahm das Wahlkreisbüro René Domke.
Johann Frehse
10. Januar 1886 – 20. Januar 1942
Letzter Wohnort: Kanalstraße 8
Schicksal: Ermordet in der Tötungsanstalt Schloss Hartheim
Kurzbiografie
„Der Schutzhäftling Johann Frehse (wurde) am 25. Januar 1940 (…) der Geheimen Staatspolizei, Außenstelle Neustrelitz, zwecks Überführung in das Konzentrationslager Sachsenhausen mittels Sammeltransport ausgeliefert.“
(Schreiben von Regierungsoberinspektor Zamm, Landesstrafanstalt Neustrelitz-Strelitz, an die Geheime Staatspolizei Schwerin, 25. Januar 1940)
Johann Frehse wurde am 10. Januar 1886 in Bantow als Sohn einer Landarbeiterfamilie geboren. Später lebte der gelernte Schiffszimmermann in Wismar und arbeitete als Fischer. Sein Leben war von Invalidität geprägt: Noch vor dem Ersten Weltkrieg verlor er seine linke Hand und sein linkes Augenlicht.
Politisch engagierte er sich zunächst in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, wechselte später in die Unabhängige Sozialdemokratische Partei und 1928/1929 in den „Internationalen Bund der Opfer des Krieges und der Arbeit“. 1931 trat er der Kommunistischen Partei Deutschlands bei und übernahm dort verschiedene Funktionen.
Auch nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten blieb er in der Kommunistischen Partei aktiv und beteiligte sich am Widerstand. Bereits 1933 wurde er deshalb kurzzeitig inhaftiert. Er half, verfolgte Genossen mit seinem Fischerboot ins Exil zu bringen. Im Mai 1934 wollte er dem Vorsitzenden der Wismarer Ortsgruppe der Kommunistischen Partei, Franz Jakubek, zur Flucht nach Dänemark verhelfen, wurde jedoch bei der Insel Poel verhaftet. Am 6. Dezember 1934 verurteilte ihn das Hanseatische Oberlandesgericht Hamburg wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu eineinhalb Jahren Gefängnis, die er im Zuchthaus Dreibergen-Bützow verbüßte.
Nach der Haft kehrte er nach Wismar zurück, wo er bis 1939 mit seiner Familie lebte. Im November 1939 wurde er erneut verhaftet, weil er weiterhin im Widerstand tätig war. Die Geheime Staatspolizei wies ihn am 12. Dezember 1939 in die Landesstrafanstalt Neustrelitz-Strelitz ein. Am 25. Januar 1940 wurde er von dort in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Später, am 28. August 1940, verlegte man ihn in das Konzentrationslager Dachau.
Im Rahmen der sogenannten „Sonderbehandlung 14 f 13“, einem Mordprogramm an kranken und arbeitsunfähigen Häftlingen, wurde Johann Frehse am 20. Januar 1942 in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim deportiert und dort vergast. Insgesamt wurden fast 2600 im Konzentrationslager Dachau inhaftierte Menschen in Hartheim ermordet. Diese Aktion unterlag strengster Geheimhaltung: In seiner Sterbeurkunde wurde als offizieller Todesort das Konzentrationslager Dachau angegeben, Todesursache angeblich Herz-Kreislaufversagen.
Verlegung des Stolpersteins
Für Johann Frehse wurde am 15. Juli 2008 an der Kreuzung Kanalstraße / Dr.-Leber-Straße (ehemals Kanalstraße 8) ein Stolperstein verlegt. In der Nacht zum 1. Oktober 2008 wurde er von Unbekannten entfernt. Dank Spenden konnte die Projektgruppe Stolpersteine einen neuen Stein anfertigen lassen, der am 20. November 2008 durch Mitarbeiter des Entsorgungs- und Verkehrsbetriebes erneut verlegt wurde. Bernhard Krummhauer, Pächter der Tankstelle „Total“ an der Dr.-Leber-Straße, übernahm die Patenschaft.
Zum Weiterlesen
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Falk Bersch: Stolpersteine in Wismar. Wismar, 2018.
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Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim: Online-Biografie von Johann Frehse.
lebensspuren.schloss-hartheim.at
Fritz Stein
Wohnort: Spiegelberg 54
Schicksal: Ermordet im Konzentrationslager Auschwitz
Kurzbiografie
Der Stolperstein erinnert an den Lehrer und Kulturbauingenieur Fritz Stein, der vor seiner Deportation im Haus Nr. 54 am Spiegelberg lebte.
Fritz Stein wurde 1904 in Kredenbach im heutigen Nordrhein-Westfalen geboren. 1940 wurde er verhaftet und nach § 175 Strafgesetzbuch verurteilt. Sein „Verbrechen“: Er liebte Männer. Homosexuelle Beziehungen standen in Deutschland seit der Kaiserzeit unter Strafe, doch die Nationalsozialisten verschärften den Paragrafen noch weiter. Bereits der Verdacht, homosexuell zu sein, konnte zur Verhaftung führen.
1942 deportierte man Fritz Stein in das Konzentrationslager Auschwitz. Dort wurde er nach weniger als drei Monaten Haft am 31. März 1942 ermordet.
Verlegung des Stolpersteins
Der Stolperstein für Fritz Stein wurde am 9. November 2022 verlegt. Mehr als 40 Menschen nahmen an der Gedenkfeier teil, darunter sein Neffe Dieter Stähler (geboren 1940) aus dem Siegerland sowie dessen Tochter Dorothee Stähler. Auch Jürgen Wenke, der über das Leben von Fritz Stein geforscht hatte, war unter den Gästen.
Die Patenschaft für den Stolperstein übernahm Ministerpräsidentin Manuela Schwesig.
Carl Glöde
11. Mai 1881 – 20. April 1943
Wohnort: Krönkenhagen 26
Schicksal: Ermordet im Konzentrationslager Neuengamme
Kurzbiografie:
„Die Überführung der Aschenreste kann unter Beifügung einer Beisetzungsgenehmigung der Friedhofsverwaltung, welche die Beisetzung vornehmen soll, beim Krematorium des hiesigen Lagers beantragt werden.“
(Aus der Todesmitteilung des Konzentrationslagers Neuengamme an Martha Glöde, 20. April 1943)
Der Maschinenschlosser Carl Glöde kehrte 1937 aus Ostpreußen in seine Geburtsstadt Wismar zurück. Gemeinsam mit seiner Frau, die wie er der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas angehörte, bezog er eine Wohnung in Krönkenhagen 26.
Carl Glöde versuchte, die von der Gestapo zerschlagene Gemeinde der Zeugen Jehovas in Wismar wieder zu beleben. Ein Nachbar denunzierte ihn, woraufhin er wegen der Fortführung seiner Glaubensaktivitäten zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Weitere Verurteilungen folgten, unter anderem wegen kritischer Äußerungen gegen die Nationalsozialisten.
Nach seiner Haftzeit im Zuchthaus Dreibergen-Bützow wurde Carl Glöde in die Konzentrationslager Sachsenhausen und später Neuengamme überstellt. Dort wurde er im April 1943 ermordet.
Verlegung des Stolpersteins
Für Carl Glöde wurde am 15. Juli 2008 vor dem Haus Krönkenhagen 26 ein Stolperstein verlegt. Die Patenschaft übernahm Duncan Ò Ceallaigh.
Zum Weiterlesen
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Falk Bersch: Stolpersteine in Wismar. Wismar, 2018.
Willi Gotthardt
9. November 1913 – 20. Januar 1945
Wohnort: Am Torney 31
Schicksal: Erschossen in Krotoschin / Polen
Kurzbiografie
Willi Gotthardt wurde 1913 in Kamps bei Schwaan geboren. Mitte der 1930er Jahre zog er nach Wismar und wohnte mit seiner Familie in der Straße Am Torney 31. Er arbeitete als Maler in der Waggonfabrik und später als Spritzlackierer in den Dornier-Werken.
Schon früh geriet er in Konflikt mit dem NS-Regime. Als der „Arbeitsdienst“ uniformiert wurde, weigerte er sich, diesen weiter abzuleisten. Auch nach seiner Einberufung zur Wehrmacht im November 1939 verhielt er sich unangepasst. In einer Auseinandersetzung schlug er einem Unteroffizier ins Gesicht. Das brachte ihm eine unehrenhafte Entlassung und acht Monate Wehrmachtsgefängnis ein.
Nach seiner Rückkehr nach Wismar fand er Arbeit bei der Deutschen Reichsbahn. Doch auch hier blieb er nicht still. Als er in Petersdorf einen Transport sowjetischer Kriegsgefangener miterlebte, empörte er sich offen über deren unmenschliche Behandlung. Dies wurde denunziert, und das Schweriner Sondergericht verurteilte ihn zu eineinhalb Jahren Gefängnis, die er im Zuchthaus Bützow-Dreibergen verbüßte.
Im April 1944, nach Verbüßung seiner Strafe, wurde Willi Gotthardt erneut zur Wehrmacht eingezogen und der Organisation Todt zugeteilt. Auf dem Rückmarsch durch Polen erschoss ihn am 20. Januar 1945 ein deutscher General willkürlich.
Verlegung des Stolpersteins
Für Willi Gotthardt wurde am 28. Juli 2009 vor dem Haus Am Torney 31 ein Stolperstein verlegt.
Bertha Heinsius, geborene Waack
2. Januar 1889 – 18. Juli 1941
Wohnort: Poelerstraße 59
Schicksal: Ermordet in der Tötungsanstalt Bernburg
Kurzbiografie
„Die Zeugin Jehovas, die aus dem Zuchthaus kam – die Begnadigung wurde ihr Verhängnis.“
(Helga Schubert in ihrem Buch Die Welt da drinnen. Eine deutsche Nervenklinik und der Wahn vom „unwerten Leben“ über Bertha Heinsius)
Die Hausfrau Bertha Heinsius lebte mit ihrer Familie in der Poelerstraße 59. 1927 schloss sie sich den Bibelforschern – der späteren Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas – an. Auch nach dem Verbot der Gemeinschaft im Jahr 1933 blieb sie ihrem Glauben treu.
Im Februar 1937 verurteilte das Schweriner Sondergericht sie zu neun Monaten Gefängnis. Grundlage war die sogenannte „Reichstagsbrandverordnung“. Vorgeworfen wurden ihr Kontakte zu Glaubensgeschwistern und der Besitz eines christlichen Abreißkalenders.
Während der Haft im Zuchthaus Dreibergen-Bützow erkrankte Bertha Heinsius schwer. Der Anstaltsarzt erkannte ihre Krankheit zunächst nicht, und sie wurde gefesselt in eine Arrestzelle gesperrt. Erst im Oktober 1937 kam sie in die Nervenklinik der Heil- und Pflegeanstalt Gehlsheim. 1938 wurde sie unter Auflagen auf Bewährung entlassen. Später brachte man sie in die Heil- und Pflegeanstalt Schwerin-Sachsenberg.
Im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“, dem NS-Mordprogramm an kranken und behinderten Menschen, wurde Bertha Heinsius am 18. Juli 1941 von Schwerin in die Tötungsanstalt Bernburg deportiert und dort vergast.
Verlegung des Stolpersteins
Für Bertha Heinsius wurde am 15. Juli 2008 vor dem Haus Poelerstraße 59 ein Stolperstein verlegt. Die Patenschaft übernahmen Markus und Jutta Stein.
Zum Weiterlesen
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Falk Bersch: Stolpersteine in Wismar. Wismar, 2018.
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Helga Schubert: Die Welt da drinnen. Eine deutsche Nervenklinik und der Wahn vom „unwerten Leben“. Frankfurt am Main, 2003, Seite 47, 90–101, 197.
Familie Karseboom
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Bild: © Projektgruppe Stolpersteine
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Bild: © Projektgruppe Stolpersteine
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Bild: © Projektgruppe Stolpersteine
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Stolpersteinverlegung für die Familie Karseboom
Am Samstag, dem 16. Februar 2019, wurden in Anwesenheit von Gunter Demnig sowie zahlreichen Familienangehörigen, Patinnen und Paten und weiteren Interessierten acht Stolpersteine in der Wismarer Altstadt verlegt.
Sieben dieser Steine erinnern an die jüdische Kaufmannsfamilie Karseboom. Die Familie lebte seit 1902 in Wismar und betrieb hier ein großes Kaufhaus. Adolf Karseboom war ein angesehener Kaufmann, Mitglied des Wismarer Stadtparlaments und spielte auch im religiösen Leben der jüdischen Gemeinde eine wichtige Rolle. Sein Sohn Friedrich Karseboom (1900–1987) übernahm 1926 das Kaufhaus (heute Hinter dem Rathaus 17).
Als große und wirtschaftlich erfolgreiche Familie gerieten die Karsebooms ab 1933 ins Visier der Nationalsozialisten. Sie waren Boykottmaßnahmen und antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Besonders Friedrich Karseboom und sein Kaufhaus im Stadtzentrum wurden von der nationalsozialistischen Presse angegriffen. Ende 1933 sah sich die Familie gezwungen, nach Hamburg zu ziehen. 1935 musste Friedrich Karseboom sein Geschäft aufgeben – es wurde „arisiert“.
Friedrich Karseboom gelang es 1937/38, mit seiner Frau und den drei Kindern nach Palästina zu fliehen. Andere Familienangehörige konnten Deutschland jedoch nicht mehr verlassen und wurden in Konzentrationslagern ermordet.
Vor dem letzten freiwilligen Wohnort der Familie in der Straße Am Vogelsang 7 wurden im Beisein von Lawrence Marks sowie Caryn, Vicki und Ethan Hertz fünf Stolpersteine verlegt. Ein weiterer Stein für Frieda Karseboom, die Mutter von Friedrich, erinnert in der Dr.-Leber-Straße (Höhe Clever Fit) an sie. Das damalige Wohnhaus existiert heute nicht mehr.
Vor dem einstigen Kaufhaus der Karsebooms erinnert zudem ein Stolperstein mit der Gravur „Hier arbeitete Friedrich Karseboom“ an die Verfolgung und Entrechtung der Familie und mahnt uns bis heute.
Die Patenschaft für den Stolperstein von Frieda Karseboom hat Maren Schmidt übernommen.
Wilhelm Leonhardt
15. Dezember 1875 – 13. Juni 1942
Wohnort: Goethestraße 9
Schicksal: Ermordet im Konzentrationslager Sachsenhausen
Kurzbiografie
„Am 16. Juni traf ein Brief von ihm ein, geschrieben am 9. Juni, worin er sich freut, bald wieder zu Hause sein zu dürfen (…) Vier Tage vor seinem Tod schreibt er das. Kommentar überflüssig.“ (Ilse Leonhardt in einem Schreiben an Sella Hasse)
Wilhelm Leonhardt wurde am 15. Dezember 1875 in Brüel (Mecklenburg) geboren. 1901 erhielt er seine Approbation als Tierarzt. Zwischen 1922 und 1925 zog der Oberstabsveterinär a. D. nach Wismar in das Haus Fürstengarten 9 (heute Goethestraße), wo er eine Tierarztpraxis eröffnete. Am 14. November 1933 heiratete er die Buchhändlerin Ilse Rothe. 1935 wurde ihre gemeinsame Tochter geboren.
Dr. Leonhardt war seit der Gründung des Bundes für Mutterschutz und Geburtenregelung 1905 Mitglied dieser Organisation. 1928 trat er auch der Weltliga für Sexualreform bei. Auf den Kongressen für Sexualreform und Geburtenregelung in den Jahren 1928 bis 1930 stellte er eine von ihm entwickelte Methode der Empfängnisregelung vor, die international anerkannt und von Fachärzten als sicher bewertet wurde. Besonderes Lob erhielt er 1929 vom Direktor der Staatsanstalt für Mutter- und Kleinkinderschutz in Moskau für seine Erfindung, die unter dem Namen „Secura“ bekannt wurde.
Am 30. Dezember 1941 suchten zwei Gestapobeamte seine Wohnung auf, beschlagnahmten Teile seiner Korrespondenz und verhörten ihn eineinhalb Stunden. Anschließend musste er sie begleiten, angeblich um ein Protokoll zu unterschreiben. Er kehrte nie mehr nach Hause zurück. Von Wismar brachte man ihn in das Schweriner Gerichtsgefängnis am Demmlerplatz, wo er bis Anfang Februar 1942 in Einzelhaft saß. Seine Frau durfte ihn dort zweimal besuchen. Am 6. Februar 1942 deportierte die Gestapo ihn in das Konzentrationslager Sachsenhausen, wo er die Häftlingsnummer 40.988 erhielt.
Am 15. Juni 1942 erhielt seine Frau die Nachricht, Wilhelm Leonhardt sei an Tuberkulose verstorben. In den Lagerunterlagen wurde als Todesursache eine „Allgemeininfektion nach Furunkulose“ angegeben. Doch ein von ihm am 9. Juni 1942 verfasster Brief, in dem er hoffnungsvoll schrieb, bald wieder nach Hause zurückkehren zu dürfen, widerlegt die offizielle Darstellung. Vier Tage später war er tot.
Der genaue Grund seiner Verhaftung lässt sich heute nicht belegen. Fest steht jedoch, dass die Nationalsozialisten sexualreformerische Bestrebungen unterdrückten. Magnus Hirschfeld, Gründer der Weltliga für Sexualreform, musste bereits 1931 ins Exil gehen. Forderungen wie die Entkriminalisierung der Homosexualität oder eine moderne Geburtenregelung widersprachen der nationalsozialistischen Ideologie. In Wismar sorgten die Festnahme und der Tod von Dr. Wilhelm Leonhardt für großes Aufsehen.
Verlegung des Stolpersteins
Für Wilhelm Leonhardt wurde am 10. August 2013 vor dem Haus Goethestraße 9 ein Stolperstein verlegt.
Zum Weiterlesen
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Falk Bersch: Stolpersteine in Wismar. Wismar, 2018.
Louis und Arthur Lewinski
Louis Lewinski
1. April 1869 – 26. März 1943
Wohnort: Altwismarstraße 17
Schicksal: Ermordet im Vernichtungslager Sobibor
Arthur Lewinski
26. Oktober 1896 – 29. März 1958
Wohnort: Altwismarstraße 17
Schicksal: Überlebt
Kurzbiografie
„Im Juni 1937 war Arthur Lewinski in Wismar unter der Beschuldigung hitlerfeindlicher Äußerungen verhaftet worden und befand sich acht Monate lang im Columbia-Haus in Berlin (Gestapo-Gefängnis).“
(Schreiben des Anwalts van Wien an das Internationale Komitee des Roten Kreuzes in Bad Arolsen, 1958)
Der Kaufmann Louis Lewinski heiratete am 29. August 1893 in Berlin Berta Pagel (1856–1922). Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Johanna (geboren 1894) und Arthur (geboren 1896). Die Familie war jüdischen Glaubens. Anfang des 20. Jahrhunderts zog sie nach Rostock, wo 1912 der erste Eintrag im Adressbuch nachweisbar ist.
Berta Lewinski verstarb 1928 in Rostock. Im selben Jahr heiratete Sohn Arthur Grete Heimann (geboren 1901) aus Borken/Westfalen. 1931 wurde die Tochter Evi Bertha geboren. Mitte der 1930er Jahre wurde die Ehe geschieden. Grete heiratete Gustav Kamp und zog mit ihrer Tochter nach Berlin. Am 9. Dezember 1942 wurden Gustav und Grete Kamp sowie Evi Bertha aus Berlin in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Anfang der 1930er Jahre zog Louis Lewinski nach Wismar. Er lebte in der Altwismarstraße 12 (heute Nr. 17) und betrieb in der Dankwartstraße 14 ein Schuhgeschäft. Nach der Scheidung zog Sohn Arthur zu ihm.
Arthur Lewinski wurde im Juni 1937 unter dem Vorwurf „anti-nationalsozialistischer Äußerungen“ festgenommen und acht Monate lang im Berliner Gestapo-Gefängnis Columbia-Haus inhaftiert. 1938 verhaftete ihn die Gestapo erneut als „arbeitsscheuen Juden“ und brachte ihn in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Im Februar 1939 wurde er entlassen, kehrte kurzzeitig nach Wismar zurück und floh dann in die Niederlande.
Während des Novemberpogroms 1938 wurde auch Louis Lewinski, wie viele andere Wismarer Juden, verhaftet und für etwa eine Woche im Zuchthaus Neustrelitz-Strelitz festgehalten. Nach seiner Entlassung floh auch er in die Niederlande und lebte in Amsterdam mit der Familie seiner Tochter Johanna Pories.
Nach der deutschen Besetzung der Niederlande wurde Louis Lewinski am 9. März 1943 verhaftet und in das Durchgangslager Westerbork gebracht. Am 23. März 1943 deportierte ihn die Gestapo zusammen mit 1250 weiteren Menschen in das Vernichtungslager Sobibor, wo er ermordet wurde. Auch seine Tochter Johanna wurde deportiert: Von Westerbork nach Auschwitz, wo sie am 11. Februar 1944 starb.
Arthur Lewinski überlebte als fast einziges Familienmitglied den Holocaust. Er heiratete ein zweites Mal und verstarb am 29. März 1958 in Amsterdam.
Verlegung der Stolpersteine
Für Louis und Arthur Lewinski wurden am 10. August 2013 vor dem Haus Altwismarstraße 17 zwei Stolpersteine verlegt. Aufgrund falscher Angaben wurde der Stolperstein für Arthur Lewinski im Jahr 2020 ausgetauscht.
Zum Weiterlesen
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Falk Bersch: Stolpersteine in Wismar. Wismar, 2018.
Dr. Leopold Liebenthal
26. Mai 1868 – 30. November 1938
Wohnort: Altwismarstraße 10
Schicksal: Verfolgt und gestorben in Wismar
Kurzbiografie
„Het du Weihdaag un Kummer, roop nah Liebnthal, de kümmt ümmer.“
(In Wismar geläufiger Spruch, der auf Dr. Liebenthals Hilfsbereitschaft und Menschenfreundlichkeit hinwies.)
Leopold Liebenthal wurde am 26. Mai 1868 in Bergen auf Rügen als Sohn des Kaufmanns Louis Liebenthal und dessen Frau Emmi, geborene Leopold, geboren. 1894 legte er in Berlin die Medizinische Staatsprüfung ab und promovierte. Im Oktober desselben Jahres kam Dr. Liebenthal als praktizierender Arzt nach Wismar und richtete in der Altwismarstraße 10 seine Praxis ein.
Am 10. August 1898 ließ er sich in St. Marien taufen und heiratete die 24-jährige Marie Spohr. Dr. Liebenthal war wegen seiner unermüdlichen, selbstlosen Hilfe besonders in der ärmeren Bevölkerung hochgeachtet. Sein soziales Engagement ging so weit, dass er Behandlungen oft nicht in Rechnung stellte oder Medikamente aus eigener Tasche bezahlte. „Liebenthal kümmt ümmer“, hieß es in Wismar.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde seine Praxis geschlossen und er erhielt Berufsverbot. Unter der Isolierung und dem psychischen Terror litt er schwer.
Am 21. November 1938 wurde Dr. Liebenthal zu einer „Sühneleistung“ von 5.000 Reichsmark verpflichtet – eine Zahlung, die Jüdinnen und Juden nach dem Novemberpogrom leisten mussten, obwohl sie selbst Opfer der Zerstörungen waren. Am 29. November 1938 trat zudem die „Sicherungsverordnung zur Vermögenssicherung von Juden“ in Kraft, woraufhin sein Eigentum beschlagnahmt wurde. Einen Tag später, am 30. November 1938, starb Dr. Leopold Liebenthal im Alter von 70 Jahren an Herzversagen.
Sein Trauerzug wurde aus Angst vor Repressionen nur von zwei Personen begleitet. Dennoch erwiesen ihm viele Wismarerinnen und Wismarer heimlich die letzte Ehre, indem sie am Straßenrand oder auf dem Friedhof „zufällig beschäftigt“ waren.
Zur Erinnerung wurde in der Altwismarstraße 10 eine Gedenktafel angebracht. Auch eine Straße in Wismar trägt seinen Namen. Dr. Liebenthal und seine Frau wurden auf dem Westfriedhof an der Schweriner Straße beigesetzt.
Dr. med. Liebenthal wurde am 1. Januar 1895 in die Wismarer Freimaurerloge aufgenommen. Die Loge trennte sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht von ihm – ungewöhnlich in dieser Zeit. Etwa 130 Männer aus der Wismarer Gesellschaft waren dort Mitglied, darunter der Direktor der Stadtwerke Lindekugel. Der letzte Vorsitzende war Karl-Ludwig Eschenhagen, Fabrikant einer bekannten Spirituosenfabrik und weiterer Unternehmen. Die Loge wurde am 16. Juli 1935 zwangsweise aufgelöst.
Verlegung des Stolpersteins
Für Dr. Leopold Liebenthal wurde am 15. Juli 2008 vor dem Haus Altwismarstraße 10 ein Stolperstein verlegt. Die Patenschaft übernahm die Loge zur Vaterlandsliebe Wismar e. V.
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Falk Bersch: Stolpersteine in Wismar. Wismar, 2018.
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Nicole Hollatz: Wismarer Gesichter. Ein kleines Kaleidoskop bedeutender Wismarer Persönlichkeiten. Wismar, 2006.
Walter Mantow
30. Mai 1897 – 18. Juli 1941
Wohnort: Krönkenhagen 20
Schicksal: Ermordet in der Tötungsanstalt Bernburg
Kurzbiografie
„…teilen wir Ihnen mit, dass der Patient Walter Mantow (…) am 5. August 1941 in unserer Anstalt verstorben ist.“
(Schreiben der „Heil- und Pflegeanstalt“ Bernburg an das Jugendamt Wismar mit der gefälschten Todesbenachrichtigung vom 14. August 1941)
Walter Mantow wuchs in Wismar als Sohn des Malermeisters Adolf Mantow (geboren 1852) und seiner Frau Elise, geborene Fuhr (1886–um 1937), auf. Die Familie lebte spätestens ab 1888 in Wismar, zunächst in der Speicherstraße 11 und ab 1890 in Krönkenhagen 20.
Wie sein Vater erlernte Walter Mantow das Malerhandwerk und wurde Malermeister. Nach dem Ausbruch einer schweren psychischen Erkrankung konnte er seinen Beruf jedoch nicht mehr ausüben. Er war auf die Pflege seiner Mutter angewiesen, die mit zunehmendem Alter damit überfordert war. Mehrfach stellte sie Anträge beim Wohlfahrtsamt Wismar und erhielt zeitweise Unterstützung durch einen Armenpfleger.
Im Mai 1933 besserte sich sein Zustand kurzzeitig, sodass er wieder arbeiten konnte. Bald darauf verschlechterte sich seine Situation jedoch erheblich. Der behandelnde Arzt empfahl eine Einweisung in eine Heilanstalt. Auf Antrag seiner Mutter wurde Walter Mantow am 19. Oktober 1934 in das Wismarer Alten- und Pflegeheim aufgenommen. Da sich sein Zustand weiter verschlimmerte, überwies man ihn im März 1935 in die Heil- und Pflegeanstalt Sachsenberg in Schwerin. Dort stellte man am 12. November 1937 fest, dass keine Aussicht auf Heilung bestand und er dauerhaft in Anstaltsversorgung bleiben müsse.
Am 18. Juli 1941 wurde Walter Mantow zusammen mit 134 weiteren Patientinnen und Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Sachsenberg mit der „Gemeinnützigen Krankentransportgesellschaft“ – einer Tarnorganisation der SS – in die „Heil- und Pflegeanstalt“ Bernburg verlegt. Diese Einrichtung diente im Rahmen der „Aktion T4“ als Tötungsanstalt. Walter Mantow wurde noch am Tag seiner Ankunft vergast. Sein offizielles Todesdatum und die angegebene Todesursache waren gefälscht.
Verlegung des Stolpersteins
Für Walter Mantow wurde am 15. Juli 2008 vor dem Haus Krönkenhagen 20 ein Stolperstein verlegt.
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Falk Bersch: Stolpersteine in Wismar. Wismar, 2018.
Max Ehrlich
26. Dezember 1873 – 21. September 1942
Wohnort: Dankwartstraße 35
Schicksal: Ermordet im Vernichtungslager Treblinka
Kurzbiografie
„Mein Vater Max Ehrlich ist am 15. Januar 1942 (…) nach Theresienstadt gekommen und von dort aus am 21. September 1942 weiter transportiert, in die Gaskammer!“
(Kurt Ehrlich in einem Fragebogen vom 11. August 1958)
Max Ehrlich wurde am 26. Dezember 1873 im ostbrandenburgischen Sonnenburg geboren. Wann die Familie nach Berlin zog, ist nicht bekannt. Nach der Schule begann er eine Ausbildung bei der Berliner Firma Emil Blumenthal & Co. Dort arbeitete er sich vom kaufmännischen Angestellten bis zum Geschäftsführer hoch und blieb rund dreißig Jahre im Unternehmen. Später gründete er eine eigene Wäschefabrik in Berlin.
Am 13. Oktober 1898 heiratete er die Schneiderin Sara Prager (1874–1942). Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Kurt (geboren 1900) und Frieda (geboren 1904). Die Ehe wurde 1927 geschieden, danach verlor Max Ehrlich auch seinen beruflichen Erfolg.
Um 1930 zog er nach Wismar und gehörte zur Jüdischen Gemeinde Schwerin. 1932 arbeitete er als Verkäufer in einem Herrenbekleidungsgeschäft, zunächst mit Unterkunft in der Lübschen Straße 18. 1935 verzeichnete das Wismarer Adressbuch seine Wohnung in der Dankwartstraße 43. Mitte der 1930er Jahre verlor er durch die nationalsozialistischen Repressalien seine Stelle. Er versuchte, sich als Vertreter mit dem Verkauf von Anzügen von Haus zu Haus durchzuschlagen.
Nach der Reichspogromnacht wurde er am 10. November 1938 verhaftet und etwa eine Woche lang in der Strafanstalt Neustrelitz-Strelitz festgehalten. Nach seiner Entlassung am 17. November war ihm ein Überleben in Wismar unmöglich geworden. Er verließ die Stadt und war 1939 kurzzeitig in Rostock gemeldet.
Am 14. März 1940 zog er mittellos nach Hamburg und fand Unterkunft im Altenheim des Jüdischen Religionsverbandes in der Straße Jungfrauenthal 37. 1941 musste er in eines der sogenannten „Judenhäuser“ ziehen, Sammelunterkünfte für die zur Deportation bestimmten Jüdinnen und Juden.
Am 16. Juli 1942 wurde er mit dem Transport VI/1 von Hamburg in das Konzentrationslager Theresienstadt gebracht. Von dort wurde er am 21. September 1942 nach Treblinka deportiert. Auf diesem Transport befanden sich 2002 Menschen, nur eine Person überlebte. Im Vernichtungslager Treblinka wurden zwischen dem 22. Juli 1942 und dem 21. August 1943 zwischen 700.000 und 1,1 Millionen Menschen ermordet.
Max Ehrlichs Sohn Kurt gelang 1938 mit seiner Frau die Flucht nach Shanghai. 1947 konnten beide in die Vereinigten Staaten von Amerika ausreisen. Auch Tochter Frieda fand dort eine neue Heimat. Seine geschiedene Frau Sara, inzwischen in zweiter Ehe Cohnheim, nahm sich am 6. August 1942 in Berlin das Leben. Wenige Tage nach ihrem Tod wurden ihre jüdischen Nachbarn deportiert und ermordet.
Verlegung des Stolpersteins
Für Max Ehrlich wurde am 10. August 2013 vor dem Haus Dankwartstraße 35 ein Stolperstein verlegt. Die Patenschaft übernahm die Familie Pucknus.
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Falk Bersch: Stolpersteine in Wismar. Wismar, 2018.
Günter Nevermann
5. November 1933 – 16. Dezember 1942
Wohnort: Poeler Straße 102
Schicksal: Ermordet in der Heil- und Pflegeanstalt Sachsenberg (Schwerin)
Kurzbiografie
„Meine Mutter war schockiert und wir mussten zwei Jahre jeden Tag mit ihr zum Friedhof gehen.“
(Irmgard Munkwitz, Schwester von Günter Nevermann, in einem Interview über die Reaktion ihrer Mutter auf die Todesnachricht)
Im Alter von zwei Jahren wurde bei Günter Nevermann eine zerebrale Kinderlähmung (sogenannte „Littlesche Krankheit“) diagnostiziert. Diese Krankheit beeinträchtigte sein Gehvermögen, jedoch nicht seine geistige Entwicklung.
In den folgenden Jahren wurde er in der Orthopädischen und Pädiatrischen Klinik sowie in der Psychiatrischen Poliklinik in Rostock untersucht und wiederholt mit Spreizbett und Gipsverbänden behandelt. 1942 war eine dauerhafte Aufnahme in das Elisabethheim Rostock vorgesehen, wo körperbehinderte Kinder sowohl ärztlich betreut als auch schulisch und beruflich gefördert wurden.
Vor der Aufnahme wurde jedoch eine „Sippenuntersuchung“ angeordnet. Das Ergebnis stufte die Familie als „nicht förderungswürdig“ ein, und Günter wurde als „bildungsunfähig“ erklärt. Daraufhin entband man ihn von der Schulpflicht. Das Wismarer Gesundheitsamt vertrat hingegen die Auffassung, Günter müsse weiterhin beschult werden, und schickte ihn im September 1942 zur Beschulung in die Heil- und Pflegeanstalt Sachsenberg-Lewenberg.
Dort erklärte ihn der verantwortliche Arzt Dr. Alfred Leu (1900–1975) für „schwachsinnig“. Günters Mutter Elfriede nahm ihn daraufhin sofort wieder nach Hause. Dr. Leu drängte jedoch auf eine erneute Aufnahme, die Mitte November 1942 erfolgte. Bereits rund einen Monat später, am 16. Dezember 1942, starb Günter Nevermann in der Heil- und Pflegeanstalt – er war erst 9 Jahre alt.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Dr. Alfred Leu für die Ermordung hunderter kranker und behinderter Kinder und Erwachsener verantwortlich gemacht.
Verlegung des Stolpersteins
Für Günter Nevermann wurde am 15. Juli 2008 vor dem Haus Poeler Straße 102 ein Stolperstein verlegt. Die Patenschaft übernahm Herr Schulz.
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Falk Bersch: Stolpersteine in Wismar. Wismar, 2018.
Familie Nierath
Martha Nierath, geborene Fromm
13. September 1892 – 18. Juli 1941
Wohnort: Klußer Damm 52
Schicksal: Ermordet in der Tötungsanstalt Bernburg
Rudolf Nierath
2. September 1893 – 18. Juli 1941
Wohnort: Klußer Damm 52
Schicksal: Ermordet in der Tötungsanstalt Bernburg
Kurzbiografie
Martha und Rudolf Nierath heirateten am 22. April 1919. Martha brachte einen Sohn aus erster Ehe mit in die Ehe: Werner, geboren 1916, der 1941 als Soldat an der Ostfront ums Leben kam. Die gemeinsame Tochter Elli wurde 1920 geboren.
Anfang der 1920er Jahre zog die Familie nach Wismar. Im Adressbuch von 1922 ist sie erstmals unter der Adresse Beguinenstraße 6 verzeichnet, ab 1927 unter Klußer Damm 52.
1939 wurden Rudolf und Martha Nierath in die Heil- und Pflegeanstalt Sachsenberg in Schwerin eingewiesen. Zwei Jahre später deportierte die SS sie gemeinsam mit weiteren Patientinnen und Patienten in die Tötungsanstalt Bernburg. Sie kamen dort am Abend des 18. Juli 1941 an und wurden noch in derselben Nacht vergast.
Um die wahren Todesumstände zu verschleiern, trug das Standesamt Bernburg II für Martha Nierath den 2. August 1941 und für Rudolf Nierath den 3. August 1941 als Todestag ein.
Verlegung der Stolpersteine
Für Martha und Rudolf Nierath wurden am 28. Juli 2009 vor dem Haus Klußer Damm 52 zwei Stolpersteine verlegt. Die Patenschaft übernahm die Familie Junge.
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Falk Bersch: Stolpersteine in Wismar. Wismar, 2018.
Ernst Scheel
16. Juni 1872 – 4. Juli 1944
Wohnort: Böttcherstraße 4
Schicksal: Ermordet im Konzentrationslager Dachau
Kurzbiografie
Ernst Scheel wurde 1872 in Loppin geboren und wuchs in Wismar auf. Nach seiner Ausbildung zum Schlosser fuhr er mehrere Jahre zur See und verbrachte viel Zeit im Ausland. Später veröffentlichte er einige seiner Reiseerlebnisse. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte er nach Deutschland zurück und wurde Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD).
1921 wurde Ernst Scheel in die Wismarer Stadtverordnetenversammlung gewählt. 1926 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Rotfrontkämpferbundes und war am Aufbau einer Schalmeienkapelle beteiligt.
Auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten blieb er seiner politischen Überzeugung treu. Wegen seines Engagements wurde er verhaftet und als politischer Häftling in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Im November 1942 überführte man ihn in das Konzentrationslager Dachau, wo er am 4. Juli 1944 im Alter von 72 Jahren starb.
Verlegung des Stolpersteins
Für Ernst Scheel wurde am 15. Juli 2008 vor dem Haus Böttcherstraße 4 ein Stolperstein verlegt.
Willy Hans Käcker
2. Juli 1905 – 18. Januar 1942
Wohnort: Hinter dem Chor 17
Schicksal: Ermordet im Konzentrationslager Auschwitz
Kurzbiografie
„Willy Käcker (…) wurde nach Beendigung der Straftat in das Konzentrationslager Auschwitz verlegt. [Er] bekam die Häftlingsnummer 20286.“ (Der Historiker Jan-Henrik Peters über das Schicksal von Willy Käcker)
Die Familie Käcker wohnte im Haus Hinter dem Chor 17. Von 1912 bis 1915 besuchte Willy Hans Käcker die Bürgerschule in Wismar, anschließend bis 1921 die Oberschule. Danach absolvierte er eine dreijährige Ausbildung beim Getreidehändler Karl Sodemann in Wismar und schloss anschließend eine Tischlerlehre im Betrieb seines Vaters ab. Bis 1933 arbeitete er im väterlichen Betrieb.
Am 4. März 1933 eröffnete Willy Käcker im Elternhaus ein Zigarrengeschäft. In den folgenden Jahren ging er in Wismar mit verschiedenen Männern gleichgeschlechtliche Beziehungen ein. Dies blieb nicht verborgen. Am 2. Juli 1938 wurde er verhaftet und aufgrund des Vorwurfs der „widernatürlichen Unzucht mit Männern“ in Untersuchungshaft genommen.
Bei seiner Vernehmung durch die Gestapo (Grenzpolizeinebenstelle Wismar) legte er ein Geständnis ab, das weitere homosexuelle Männer belastete, die daraufhin ebenfalls verhaftet wurden. Am 20. und 21. Januar 1939 fand vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Schwerin der Prozess statt. Willy Käcker wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.
Nach Verbüßung seiner Strafe kam er nicht frei, sondern wurde in „Schutzhaft“ genommen und in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Dort traf er am 29. August 1941 ein und erhielt die Häftlingsnummer 20286. Am 6. Dezember 1941 befand er sich in Block 28, der Krankenabteilung. Durch totale Unterernährung geschwächt starb Willy Käcker am 18. Januar 1942 im Konzentrationslager Auschwitz.
Verlegung des Stolpersteins
Für Willy Hans Käcker wurde am 25. Februar 2017 vor dem Haus Hinter dem Chor 17 ein Stolperstein verlegt. Die Patenschaft übernahm der Schwulen- und Lesbenverband Wismar.
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Falk Bersch: Stolpersteine in Wismar. Wismar, 2018.
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Jan-Henrik Peters: Verfolgt und Vergessen. Homosexuelle in Mecklenburg und Vorpommern im Dritten Reich. Rostock, 2004, Seite 79–82.
Heinrich Woest
7. Juni 1886 – 8. Februar 1939
Wohnort: St. Georgenkirchhof 13
Schicksal: Ermordet im Konzentrationslager Sachsenhausen
Kurzbiografie
„Aus Liebe im Vertrauen und Glauben zu Gott.“
(Antwort von Heinrich Woest 1937 im Strafgefängnis Neustrelitz-Strelitz auf die Frage, warum er die Tat begangen habe)
Der Schuhmacher Heinrich Woest wohnte und arbeitete im St. Georgenkirchhof 13. 1921 schloss er sich den Bibelforschern, der späteren Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas, an.
1935 wurde er erstmals von den Nationalsozialisten verhaftet und zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Der Grund: Gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Wismarer Gemeinde hatte er einen Protestbrief an die Hitlerregierung geschickt.
Nach seiner Freilassung setzte er sein Engagement für die verbotene Glaubensgemeinschaft fort. Im Sommer 1936 wurde er erneut verhaftet. Am 3. Februar 1937 verurteilte ihn das Schweriner Sondergericht, das im Wismarer Fürstenhof tagte, zu zwei Jahren Haft. Diese verbrachte er in den Gefängnissen Neustrelitz-Strelitz und Dreibergen-Bützow.
Anstatt nach Verbüßung seiner Strafe im Jahr 1938 entlassen zu werden, wurde Heinrich Woest von der Gestapo in das Konzentrationslager Sachsenhausen überführt. Dort starb er wenige Monate später, am 8. Februar 1939.
Er war einer von 168 Zeugen Jehovas, die im Konzentrationslager Sachsenhausen ums Leben kamen.
Verlegung des Stolpersteins
Für Heinrich Woest wurde am 15. Juli 2008 vor dem Haus St. Georgenkirchhof 13 ein Stolperstein verlegt. Die Patenschaft übernahmen Matthias und Beate Oehm.
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Falk Bersch: Stolpersteine in Wismar. Wismar, 2018.
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Falk Bersch: „Protestaktion der Zeugen Jehovas vor 70 Jahren – der 7. Oktober 1943 in Mecklenburg“, in: Zeitgeschichte regional. Mitteilungen aus Mecklenburg-Vorpommern, 8. Jg., 2004, Heft 2, S. 5–17.
Wilhelm Wohler
20. Oktober 1889 – 5. April 1940
Wohnort: Poelerstraße 63
Schicksal: Ermordet im Konzentrationslager Sachsenhausen
Kurzbiografie
„Man steckt uns in Schutzhaft, um uns mundtot zu machen, bedenkt aber nicht, dass man durch die Verhaftung des Warners die Gefahr nicht beseitigt, sondern eher noch vergrößert.“
(Wilhelm Wohler im Oktober 1936 aus der Landesstrafanstalt Neustrelitz-Strelitz an seine Schwester)
Wilhelm Wohler wurde am 20. Oktober 1889 in Dodow bei Wittenburg geboren. 1919 zog er nach Wismar und gründete dort eine Stellmacherei. Seine Schwester Anna zog zu ihm und führte den Haushalt. Beide lernten die Bibelforscher (Zeugen Jehovas) kennen und traten der Glaubensgemeinschaft bei. 1920/21 trat Wilhelm Wohler aus der Kirche aus und ließ sich taufen.
Durch die Inflation verlor er sein Geschäft. Nach einem Unfall, bei dem er die Sehkraft seines rechten Auges einbüßte, konnte er nicht mehr als Stellmacher arbeiten. 1933 fand er eine Beschäftigung in der Schleiferei der Firma Häussler.
Trotz des Verbots der Bibelforschervereinigung engagierte er sich weiter für seinen Glauben: Er organisierte Zusammenkünfte, sprach mit anderen über seine Überzeugungen und hielt Kontakt zu Predigern im Untergrund. 1936 wurde er verhaftet. Im Februar 1937 verurteilte ihn das Schweriner Sondergericht, das im Fürstenhof tagte, zu zwei Jahren Gefängnis.
22 Briefe Wilhelm Wohlers aus der Haft sind überliefert. Er schrieb sie aus den Gefängnissen Neustrelitz-Strelitz und Dreibergen-Bützow sowie aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen an seine Schwester Anna. Diese Briefe sind ein eindrucksvolles Zeugnis seines Lebensweges im Widerstand: Der erste Brief entstand kurz nach seiner Verhaftung, der letzte etwa zwei Wochen vor seinem Tod.
Beim Lesen wird deutlich, dass er nicht über eigenes Leid oder Demütigungen schrieb, sondern seiner Schwester Mut machen wollte. Selbst über den verlorenen Kampf gegen eine Zwangssterilisation im Gefängnis schwieg er. Stattdessen berichtete er von Hoffnungen und Plänen für die Zukunft:
„Nun sind die Tage schon zu zählen, es sind keine hundert mehr. Habe ich die vielen herumgekriegt, werde ich die wenigen auch noch herumbekommen.“
Doch es kam anders: Nach Verbüßung seiner Strafe wurde er nicht entlassen, sondern in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt.
Sein letzter Brief vom 24. März 1940 enthielt nur wenige Sätze, die ihm erlaubt wurden:
„Mir geht es gut, grüße bitte alle Verwandten und Bekannten.“
In Wirklichkeit ging es ihm schlecht – er war schwer geschwächt. Am 5. April 1940 starb Wilhelm Wohler im Alter von 50 Jahren in Sachsenhausen. In diesem Winter kam nahezu jeder vierte inhaftierte Zeuge Jehovas in Sachsenhausen ums Leben.
Verlegung des Stolpersteins
Für Wilhelm Wohler wurde am 28. Juli 2009 vor dem Haus Poelerstraße 63 ein Stolperstein verlegt. Die Patenschaft übernahmen Markus und Jutta Stein.
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Falk Bersch: „Die Briefe des Zeugen Jehovas Wilhelm Wohler aus den Strafanstalten Neustrelitz-Strelitz, Dreibergen-Bützow und dem Konzentrationslager Sachsenhausen 1936 bis 1940“, in: Zeitgeschichte regional. Mitteilungen aus Mecklenburg-Vorpommern, 19. Jg., 2015, Heft 1, S. 72–87.
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Falk Bersch: Stolpersteine in Wismar. Wismar, 2018.
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Falk Bersch: „Wohler, Wilhelm“, in: Wolf Karge (Hg.): Biografisches Lexikon für Mecklenburg, Band 9, Schwerin, 2018, S. 294–295.