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11.09.2019

Von Moorland und Wasserwelten - Worpswede im Schabbell

Birken Häuser und Gräben sind die ursprünglichsten Themen der Worpsweder Maler. Schon 1884 schrieb Mackensen in einem Brief: "Hier in Worpswede ist es sehr hübsch, weit im Umkreis sieht man die malerischen Heideflächen, hübsche alte Häuser mit Strohdächern kann ich hier in Hülle und Fülle sehen."

Zur dritten Kunstausstellung in diesem Jahr sind zwei Vertreter der zeitgenössischen Kunstszene der weltberühmten, lebendigen Künstlerkolonie Worpswede mit ihren Arbeiten zu Gast im Schabbell.

Moorland und Wasserwelten


© Pressestelle der Hansestadt Wismar

Das Jahr 1889 gilt als Gründungsdatum für den Zusammenschluss junger Künstler in einem Bauerndorf im Moor in der Nähe von Bremen. Damit gehört der Ort zu den ältesten Künstlerkolonien in Nordeuropa. Die neuen Bewohner wurden berühmt – insbesondere durch eine Ausstellung in München – und natürlich durch die 1903 erschienene Künstlermonographie Rainer Maria Rilkes, in der er die Gründer der Kolonie und ihr malerisches Werk vorstellt. Auf diese Weise wurde der Name des Ortes nachhaltig in die Welt getragen. Bis heute wird Worpswede mit Paula Modersohn-Becker und Heinrich Vogeler verbunden. Ihnen folgten weitere bildende Künstler, Schriftsteller und Architekten. Die lebendige Kunstszene ist heute um Fotografen und Kunsthandwerker erweitert.

Unsere beiden Künstler leben in einer von Wasserläufen durchzogenen Landschaft in der jahrhundertelang Torf in großen abgebaut wurde.

Viktoria Diehn

"Schönes braunes Moor, köstliches Braun!", schrieb Paula Modersohn-Becker begeistert vom Worpsweder Teufelsmoor in ihren Tagebuchblättern. Ähnlich ist es Viktoria Diehn ergangen, als sie vor 30 Jahren ein Stipendium der Barkenhoff-Stiftung erhielt und für längere Zeit zum ersten Mal nach Worpswede kam. Ein andauernder Aufenthalt war eigentlich nicht geplant, hat sich dann aber wenige Jahre später ergeben.

Die Malerin Viktoria Diehn wurde in Hamburg geboren, studierte an der Hochschule für Kunst und Musik in Bremen und lebt seit 30 Jahren in Worpswede. Schon früh hat sie im In- und Ausland ausgestellt. Sie wurde nicht nur für Lehraufträge in Bremen und Hannover angefragt, sondern erhielt auch mehrere Stipendien. Laufend entwickelt sie neue Blickwinkel auf die Geschichte und den Alltag und hält sich auch mit sozialer Kritik nicht zurück.

Impulsus artibus, movens homines“ bedeutet aus dem Lateinischen übersetzt "durch die Künste angetrieben, die Menschen bewegend" und das ist das Motto, unter welches Viktoria Diehn ihr künstlerisches Arbeiten stellt.

Sie zeigt in Wismar Bilder aus den letzten Jahren, in denen sich plastische Teile finden, die auf die Umwelt aufmerksam machen. Ihr Blick ist neu, oft unbequem, indem sie Themen aufgreift, verschlüsselt zum Nachdenken anregt, immer eine andere Dimension treffen will. Einfach anstrengend und unbequem. Für die Bearbeitung der integrierten Texte und Bilder hat sie inzwischen Hilfe von Andreas Pirner, der alle Ideen von ihr umsetzt und sie unterstützt. Die beiden bilden zusammen mit dem praktischen Ehemann ein gut funktionierendes Team im Hintergrund.

Auch in der schönen Moorlandschaft trügt der schöne Schein. Inspiriert von Walter Benjamin stellt sie einen Engel in Form eines weiblichen Unterrocks in die dunkle Landschaft. Der Engel kann nicht ins Paradies zurück und erlebt die Geschichte der gesamten Menschheit ohne Zeit und Raum.

Der Angelus Novus ist eine von Paul Klee 1920 geschaffene aquarellierteZeichnung aus Tusche und Ölkreide auf bräunlichem Papier. Der Titel Angelus Novus wurde von Walter Benjamin als Neuer Engel übersetzt. Im Kontext von Paul Klees Motivgruppe kann er aber auch als Junger Engel verstanden werden - ein Engel, der erst noch werden muss. Das Blatt befindet sich seit 1989 im Israel-Museum in Jerusalem. Es ist insbesondere durch Walter Benjamin bekannt geworden, der mehrere seiner Schriften auf das Bild bezog.

Vor wenigen Monaten hat Diehn ein Residenzstipendium im Wangerland im Künstlerhaus Hooksiel an der Nordseeküste erhalten. In den dort entstandenen Bildern bzw. der mitgebrachten aktuellen Installation sind Spuren der Zivilisation zu sehen. Im Watt hat sie Müll gefunden und kombiniert es mit einem Artikel zum Antisemitismus, der gleichzeitig in der Zeitung erschienen ist. Auch eine Spur in unserer Gesellschaft, die stört und unbequem ist.

Ein weiteres Bild stellt die Schleuse im Ort Hooksiel dar. Es könnte auch ein abstrahiertes Schaf sein. Wieder findet sich ein Gegenstand im Bild, der die Oberfläche lebendig macht, hervorhebt und sich in Form und Farbe einpasst.

Ein weiterer Aspekt ihres Schaffens sind Farbfeldarbeiten. Ungegenständliche Farbkombinationen werden mit Acryl auf Papier pastos geschichtet mit einem haptischen Reiz.

Christoph Fischer

Der Bildhauer Christoph Fischer wurde in der Eifel geboren und hat in Köln und Bremen studiert. Dort hat er seinen Professor Bernd Altenstein aus Worpswede kennengelernt, bei dem er seit 1986 für fünf Jahre im Atelier gearbeitet hat. Seit 1991 ist er freischaffend in Worpswede tätig und gehört mit Waldemar Otto, Bernd Altenstein und Gisela Eufe zu den Bildhauern im Ort. Bildhauer sind in Künstlerkolonien selten, denn sie benötigen mehr Raum als Maler und einen guten Gießer für Werke aus Bronze. Und das hat Worpswede alles zu bieten!

Fischer hat immer figürlich gearbeitet und steht damit in der Tradition der Bremer Hochschule für Künste. Er arbeitet mit Keramik, Terrakotta, Eisen und Bronze. Je nach Wunsch überträgt er Entwürfe in das gewünschte Material – immer wetterfest für Außen- und Innenbereiche gleichermaßen geeignet. Hier zeigt er einen Querschnitt seiner Arbeiten aus den letzten zwanzig Jahren.

Begonnen hat alles mit Tierdarstellungen, und dann wurden die Motive um Boote, Mauern und Tiefen oberhalb und unter Wasser erweitert. Wenig später kam auch die menschliche Figur hinzu. Heute schweben Boote frei im Raum, tragen Tiere und Menschen. Boote sind eine Metapher, denn wir sind alle in einem Boot. Es ist auch Sinnbild für die Überfahrt des Verstorbenen in das Totenreich. Das Boot bezeichnet den Übergang, das Hinstreben auf ein Ziel und einen neuen Anfang.

Die ausgestellten Werke erinnern mit einem Nashorn an Afrika oder mit einem Schaf an die Arche Noa, Wächter mit Schutzschilden wachen über Leben und Tod. Ein Endpunkt einer Serie ist ein vollbesetztes Boot mit friedlichen Menschen, das unwillkürlich an die Flüchtlingsboote im Mittelmeer erinnern.

Zur Zeit arbeitet Fischer an einer neuen Serie, den sogenannten urbanen Booten mit einer Fracht aus Häusern und einer Kirche. Ein Stück hat er bereits mitgebracht.

Zum Schluss möchte ich Rilkes Worte zur Moorlandschaft zitieren: "Es ist ein seltsames Land. Wenn man auf dem kleinen Sandberg von Worpswede steht, kann man es ringsum ausgebreitet sehen, ähnlich jenen Bauerntüchern, die auf dunklem Grund Ecken tiefleuchtender Blumen zeigen. Flach liegt es da, fast ohne Falte, und die Wege und Wasserläufe führen weit in den Horizont hinein. Dort beginnt eine Himmel von unbeschreibliche Veränderlichkeit und Größe....."

Der Ort Worpswede ist geringfügig älter als Wismar. Eine Urkunde aus dem Jahre 1218 erwähnt, dass dem Kloster Osterholz von Worpswede ein halber Zehnter zugewiesen wird. Wismar wird mit dem Datum 1229 verbunden – also elf Jahre später.

Autor/in: Dr. Karen E. Hammer
Quelle: Stadtgeschichtliches Museum der Hansestadt Wismar

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