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07.01.2019

Notkirchen - Gebetsorte nach dem Krieg

Notkirchen des Architekten Otto Bartning in Wismar und Stralsund. Neues Bauen.

In den Jahren 1948 bis 1951 wurden in Deutschland über 40 Notkirchen gebaut. Sie sind Teil einer besonderen Initiative, die den evangelischen Gemeinden dort, wo infolge des Zweiten Weltkrieges die Kirchen zerstört oder unbenutzbar geworden waren, einen neuen Raum schaffen sollte. Diese Notkirchen entstanden in allen vier Besatzungszonen und noch nach Gründung der BRD und der DDR auf deren Territorien. Auch in Wismar und Stralsund sind in den Jahren 1950/51 solche Bauten errichtet worden. Sie gehören damit zu den letzten umgesetzten Projekten und stehen heute unter Denkmalschutz.

Der Umstand, dass der Architekt und Architekturtheoretiker Otto Bartning geistiger Urheber dieser Bauten ist, lässt in einem Jahr, in dem im Zusammenhang mit dem 100-jährigen Gründungsjubiläum des Bauhauses großes Augenmerk auf das Neue Bauen gelegt wird, die Sache zum Thema werden. Das mag auf den ersten Blick nicht recht zusammengehen, aber doch – es passt, denn Bartning, der selbst nicht an der Gründung des Bauhaus beteiligt war, hatte gemeinsam mit Walter Gropius die Grundlagen der Bauhaus-Ideen erarbeitet und zählt damit zu dessen geistigen Vätern.

Otto Bartning, geboren 1883 in Karlsruhe, war von 1912 an Mitglied im Deutschen Werkbund. Dieser Verein hatte sich zur Aufgabe gemacht, entgegen des allgegenwärtigen ornamentreichen Historismus eine neue, aus Zweck, Material und Konstruktion sich ergebende Ästhetik mit schlichten Formen und einer sachlichen Gestaltung anzustreben. Die Prämisse, dass die Form der Funktion folgt, führte zu einer ausgesprochen einfachen, klaren und nur auf das Wesentliche reduzierten – dabei aber sehr hochwertig gearbeiteten – Formgebung und zu dem Topos "Neue Sachlichkeit".

Im Arbeitsrat für Kunst, einem progressiven Zusammenschluss von Architekten, Malern, Bildhauern und Schriftstellern – erarbeitete Otto Bartning mit Walter Gropius im Winter 1918/19 auf der Grundlage dieser sachlichen Herangehensweise das Konzept einer rigorosen Reform der Ausbildung von Architekten und Künstlern und formulierte damit weitgehend das Programm des Bauhauses mit.

Nach dem Umzug des Bauhauses nach Dessau 1925 war Bartning von 1926 bis 1930 Direktor der neu gegründeten Staatlichen Hochschule für Handwerk und Baukunst, kurz genannt Bauhochschule, in Weimar. Ihm gelang hier erstmals die Realisierung einer regulären eigenen Architektenausbildung in Form eines Aufbaustudiums. Die Bauhochschule knüpfte damit an die Idee des Bauhauses an, bot aber - im Gegensatz zu diesem - eine starke Praxisorientierung und folgte damit dem Ideal einer baubezogenen produktiven Werkgemeinschaft.

Angesichts der Zerstörungen des Zweiten Weltkrieg forderte Bartning einen radikalen Neubeginn im Planen und Bauen. Als Leiter der Bauabteilung des Hilfswerks der Evangelischen Kirche in Deutschland (HEKD) konzipierte er ein Typenprogramm mit vier Varianten für sogenannte Notkirchen, das sich serienmäßig herstellen und dennoch den örtlichen Gegebenheiten anpassen ließ. Das Prinzip war denkbar einfach. Mit vorgefertigten, genagelten Brettbindern wurde zunächst eine Tragkonstruktion aufgestellt, die dann mit vorhandenen Bruchsteinen, Ziegeln oder Trümmersteinen ummauert werden konnte. Während die vorgefertigten, hölzernen Dreigelenkbinder vom HEKD zur Verfügung gestellt wurden, hatte die Gemeinde vor Ort für das Fundament und die Verblendung der Halle zu sorgen.

Obgleich Bartnings Kirchen Montagebauten sind, sorgt diese individuelle Komplettierung dafür, dass keine Kirche der anderen im Detail gleicht. Durch die Wiederverwendung von Trümmermaterial, durch die Eigenleistung der Gemeinden und durch die Anwendung der regional üblichen Handwerkstechniken gelang es, eine emotionale Bindung zum jeweiligen Standort mit Bezug auf die zerstörten Kirchen, die Kriegsschäden und die Folgen des Krieges herzustellen.

Bartning lehnte Rekonstruktionen generell ab und sah die Notkirchen auch nie als Provisorium an. Für ihn waren es Räume, die durch ihre ehrliche und klare Konstruktion nicht nur zweckmäßig, sondern auch zeitgemäß waren. Mit der Idee, alles auf das Wesentliche zu reduzieren, war es möglich, einerseits mit dem Bausatzprinzip zu arbeiten, andererseits entsprach diese Prämisse aber auch seiner Vorstellung, den Kirchensaal vornehmlich als Heim der Gemeinde in den Mittelpunkt zu rücken. Mit seinem Notkirchenprogramm gab Otto Bartning seiner Hinwendung zum Funktionalismus - auch und gerade im liturgischen Kontext - eine konkrete Gestalt. Bartning, der in seiner gesamten Schaffensphase spektakuläre und vielbeachtete Kirchenentwürfe vorgelegt und umgesetzt hat, gehört heute zu den bedeutendsten Entwerfern und Architekten des modernen sachlichen Kirchenbaus der Weimarer Republik und der Jahre nach dem Krieg."

"Neue Kirche" in Wismar

Die Wismarer Kirche - bezeichnet als "Neue Kirche" - erhielt ihren Standort auf dem Grundstück des kriegszerstörten und abgetragenen Pfarrhauses St. Marien, direkt neben der damals stark durch Luftminen getroffenen gotischen Backsteinbasilika St. Marien. Der rechteckige Backsteinbau mit polygonalem Chorraum weist ein umlaufendes, schmales Fensterband unterhalb der Traufe auf, das als einziges Gestaltungselement die schlichten Umfassungswände durchbricht und den Kirchenraum belichtet. Die westliche Fassade besitzt einen einfachen Dreiecksgiebel mit einem Rundfenster als Akzent.

Auch vor dem Hintergrund der gebotenen Sparsamkeit wurden für das Verblendmauerwerk Ziegel der zerstörten Pfarre und wohl auch Trümmerziegel der Marienkirche genommen. Die unverputzte Wiederverwendung der historischen Steine verleihen dem Raum eine starke Symbolkraft. Die Spuren der Zeit sollten sichtbar sein und sich einprägen. In Kombination der Backsteine mit den hölzernen Dreigelenkbindern entsteht darüber hinaus im Innern eine angenehme, warme Atmosphäre. Die Kirche ist Obdach der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde St. Marien und St. Georgen in Wismar.

"Friedenskirche" in Stralsund

Etwas versteckt in zweiter Reihe der Bebauung an der südlichen Seite des Voigdehäger Weges in Stralsunds Stadtteil Andershof, liegt ein schlichter einschiffiger Backsteinbau, der vielen Stralsundern sicherlich unbekannt ist. Dieser etwas marginalen Randlage des Bauwerks war wohl auch seine späte Wahrnehmung und denkmalrechtliche Unterschutzstellung im Jahr 2016 geschuldet. Es handelt sich um einen weitestgehend im ursprünglichen Zustand erhaltenen Notkirchenbau, der als Friedenskirche den Gläubigen bekannt ist. Nach der Grundsteinlegung im September 1950 erfolgte bereits im Juli des darauffolgenden Jahres die Weihe und Nutzungsnahme des Gebäudes.

Es wurde aus hellen, gelblichen Klinkern aus dem vorpommerschen Ort Velgast errichtet. Ein schiefergedecktes Satteldach ist mit einem westlichen Giebelreiter und einer darin befindlichen Glocke versehen. Das Tragwerk im Innern besteht aus einem seriell hergestellten, hölzernen sogenannten "Dreigelenkbinder" und erinnert an einen Schiffsrumpf. Unterhalb der Dachtraufe befinden sich Fensterbänder zur Belichtung. Die geradezu spartanisch wirkende Ausstattung mit dem Gestühl für etwa 400 Personen, den geschlämmten Wänden und den kubischen Lampen stammt noch aus der Bauzeit. Der Altarraum weist einen geraden, sehr schlichten Abschluss mit einem runden Fenster oberhalb des Altarkreuzes auf. Die im Prinzip unverfälschte Originalität des Kirchenbaus führte zu seiner Unterschutzstellung als Einzeldenkmal unter der Positionsnummer 888 in der Stralsunder Denkmalliste.

Autor/in: Rita Gralow und Gunnar Möller
Quelle: Amt für Welterbe, Tourismus und Kultur

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