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Denkmal Am Markt 18

Wismar, Am Markt 18

Grenzerfahrungen im Denkmalschutz

Bericht zum derzeitigen Bautenstand

Das im April 2018 in Flammen aufgegangene Baudenkmal wird mittlerweile seit November 2019 saniert. Bis zu diesem Zeitpunkt bestimmten neben der Finanzierungsplanung der Sicherung und des Wiederaufbaus vor allem die Aufräum- und Rückbaumaßnahmen das Baugeschehen. Für die Wetter unabhängige Arbeit und zur Sicherung der Bausubstanz gegen eindringende Nässe musste ein umfassendes Notdach geplant und errichtet werden. Um die vorhandene Bausubstanz gegen Einsturz zu sichern, wurde zur Stabilisierung ein statisches Sicherungssystem aus Stahl geplant und eingebaut, dass wieder entfernt wird. Die Notsicherung aus Holz direkt nach dem Brand wurde damit ersetzt. Um die massive Ausbreitung des Hausschwammes, des gesundheitsgefährdenden Schimmels und des Pilzbefalls als Folge des eingebrachten Löschwassers durch den mehrtägigen Einsatz der Feuerwehr zu vermeiden, musste die Kellerdecke aufwendig getrocknet werden. Das durch hohe Bauteilfeuchtigkeit angefallene Wasser wurde gesammelt und abgepumpt.

Erst mit der vollkommenen Beräumung des Gebäudes und der Reinigung der Holzoberflächen konnten dann die sichere Bestandsaufnahme der erhaltenen Bausubstanz und die Planung des Wiederaufbaus beginnen und eine denkmalrechtliche Genehmigung erstellt werden. In enger Zusammenarbeit zwischen dem Abbruchunternehmen, dem Architekten, dem Statiker, dem Denkmalschutz, dem Vermessungsbüro, der Holzschutzgutachterin, der ausführenden Baufirma, dem Bauhistoriker und dem Restaurator ist mit Einwilligung des Bauherrn heute der Stand eines Rohbaus erreicht, der das neue statische System im Keller und im Erdgeschoss endgültig sicherstellt.

In wöchentlichen Baubesprechungen wird der Fortgang der Arbeiten diskutiert und angesichts der stark geschädigten Bausubstanz Unmögliches versucht, um Mögliches zu erreichen. Desweiteren wird geprüft, inwieweit oberflächig verkohlte und verschmauchte Holzbauteile des alten Dachtragwerkes gereinigt und erhalten werden können.

Besonders herausfordernd sind die unzähligen, über 5 Jahrhunderte vorgenommenen kleinteiligen Bauveränderungen der verschiedenen Eigentümer, die nicht fachgerecht ausgeführt worden sind und unter den jetzigen Gegebenheiten nach einem Ersatz verlangen. Bauhistorisch, stadtgeschichtlich und sozialkundlich von großer Bedeutung, müssen sie jedoch zunächst im Kontext angesprochen und verstanden werden.

So wissen wir erst heute, dass das ursprünglich mittelalterliche Dielenhaus mit Wasseranschluss wahrscheinlich eine Brauerei beherbergte. Zunächst im späten 16.Jahrhundert umgebaut und nach einem Brand im 17.Jahrhundert unter Wiederverwendung von Dachtragwerkshölzern aus der Zeit um 1362 und 1576 weitgehend erneuert, ist es nach Süden erweitert worden. Spätere Generationen des 19.Jahrhunderts haben es dann noch einmal im Klassizismus und im Historismus stiltypisch umgebaut und mit Stuckelementen, hölzernem Interieur und hölzernen Deckengewölben ausgestattet. Dabei wurden jedoch handwerklich fachgerechte Konstruktionsausführungen vernachlässigt. Nicht nur die Brandwände, mehrschalig mit Hohlräumen, zahlreichen Baunähten und Rauchabzügen versehen, erzählen die bewegte Geschichte eines von mehr als 10 Generationen reicher Kaufleute und Bürgermeister geführtes Haus. Neben verschiedensten Wandmalereien und Stuckdecken aus dem 17. und 18. Jahrhundert und einem ornamentierten keramischen Fußbodenbelag im Erdgeschoss ragen die Befunde einer frühneuzeitlichen Herdglocke an der westlichen Brandwand in der Mitte des Hauses und dielenbeplankter Lehmwickeldecken im Keller- und Erdgeschoss aus dem 17. und 18. Jahrundert besonders heraus.

Da es bei einem vollunterkellerten Zweigeschosser mit großen Geschoßhöhen und komplett ausgebautem Dachraum nicht möglich ist, das neue statische System allein auf Bauteile abzustimmen, die ihre Tragfähigkeit verloren haben und teilweise nie gehabt hatten, sind erhebliche Eingriffe in die Bausubstanz erforderlich. Der baubegleitenden Kartierung und Dokumentation der Vielzahl der bauhistorischen Befunde und der restauratorischen Sicherung erhaltener Malereien wird daher besonderer Wert beigemessen.

Bei aller Abwägung von Alternativen wird unter den Aspekten der erschwerten Zugänglichkeit und der wirtschaftlichen Zumutbarkeit zur Stabilisierung und Queraussteifung des Hauses eine Rahmenkonstruktion aus Stahlbeton errichtet. Das neue Gefüge wird additiv in das bestehende Gefüge eingepasst und die bestehende Substanz instandgesetzt. In Längsrichtung wird eine Stahlbetonscheibe ausgebildet, auf der im ersten Obergeschoss anstelle der ausgebrochenen Holzständerwände neue Holzständerwände entstehen. Diese übernehmen sämtliche Gebäudelasten und sichern so die historischen Brand- und Innenwände ab. Um die künftige Raumnutzung durch das neue Stützensystem nicht zu stark einzuschränken, müssen die mehrschaligen, schiefstehenden und gerissenen Brandwände nach der Reparatur  partiell geschlitzt und die nicht rechtwinklig verlaufenden Deckenbalken durchschnitten werden. Längsriegel vor den Brandwänden dienen dann als neue Auflager für die Decken und den Dachstuhl.  Sie entlasten und stabilisieren damit die stark gestörten Brandwände.

Dank der fachmännischen Arbeit der Baufirmen, der großen Bereitschaft zur Kommunikation und der intensiven Besprechungen und Abstimmungen mit den Planern und dem Denkmalschutz bestimmen trotz und vielleicht gerade wegen extremer Herausforderungen und Grenzerfahrungen eine konstruktive Zusammenarbeit und ein positiver Entscheidungswille die Baustelle.

Quelle: Christiane Bens, Bauamt, Abt. Sanierung und Denkmalschutz