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Die Hansestadt, die 100 Jahre verpfändet war


Gemächlich fährt die Eisenbahn an klaren Seen und reifen Getreidefeldern vorüber durch das spätsommerlich verträumte, 1000jährige Mecklenburger Land.

„ Wismar liegt in Südschweden“, behauptet ein Fahrgast und lächelt. Seeluft strömt durch das Abteil. Ankunft in Wismar.

Zehn Minuten zu Fuß, und man ist am Hafen. Wimar muß vom Hafen erlebt werden! Der erste Eindruck: backsteinrote Getreidespeicher, Fischerboote, Segelhachten und ein Gefühl von Weite. Von hier aus zeigt sich die Hansestadt in ihrer überschaubaren Größe als bemerkenswert schöne Kulisse. Die Kirche St. Nikolai, der 82 Meter hohe Turm  der ehemaligen Kirche St. Marien und der wuchtige Torso von St. Georgen ruhen inmitten der im Abendrot leuchtenden Ziegeldächer der Altstadt. Die spätgotischen, innerhalb weniger Jahrzehnte erbauten Pfarrkirchen markieren eindrucksvoll dem nahenden Seefahrer schon weit draußen in der Wismarer Bucht die Pracht der alten Hansestadt. Vor dem inneren Auge lebt das mitteralterliche Hafentreiben auf: An den Kaimauern liegen schwerbeladene Koggen mit Pelzen, Getreide, Bier, Heringen, Salz, Tuchen oder Erzen. Fuhrwagen ziehen am Zollhaus vorbei durch das Wassertor über die mit Kopfstein gepflasterten Straßen zum Marktplatz hoch. Menschengetümmel.

Der Marktplatz

Heute spielt sich am Marktplatz, mit einem Hektar Fläche der größte an der Ostseeküste, das öffentliche Leben ab. Auch wenn sich in das schmucke Karree der Bürgerhäuser immer mehr Banken und Büros einkaufen - das große klassische Rathaus ist ein offenes Haus und wird von den Bürgern rege frequentiert. Auch traditionelle Orte der Gastlichkeit  wie der „ Alte Schwede“ können sich behaupten. Und dies nicht nur, weil die gotische Fassade dieses ältesten Bürgerhauses Wismars zu den wertvollen im Lande zählt.

Wismar: das ist Weite und Großzügigkeit. Die klare, im sich geschlossene Quartierkultur des mittelalterlichen Stadtgrundrisses ist unverfälscht erhalten. Die breiten Handelsstraßen, die Wismar durchziehen, zeugen von einem unerschütterlichen Selbstbewußtsein der Wismarer Bürger. In der alten Hansestadt gib es eben keinen Platz für Enge. Daran hat sich nie etwas geändert. Trotz der hohen Arbeitslosigkeit von derzeit 24 Prozent zeigt man hanseatischen Stolz.

Den Aufschwung im Blick erzählt ein ehemaliger Hafenarbeiter, daß in der Werft in chinesischem Auftrag ein riesiges Schiff, eine Kombination aus Passagier- und Containerschiff, gebaut wird. Natürlich ist es mit der modernsten Technologie ausgerüstet, wie auch der Doppelhüllentanker, der eine sichere Fahrt durch die Eismeere gewähren soll. Auch erzählen die Wismarer von der künftigen neuen Werfthalle in ihrem Hafen, rund 400 Meter lang und etwa 80 Meter hoch. Fast so hoch wie der Marinenkirchturm soll sie werden. Ein weiteres Wahrzeichen für Wismar? „ Aber selbstverständlich!“ 

Verpfändet auf 100 Jahre

Das wirtschaftliche Auf und Ab sind die Wismarer seit Jahrhunderten gewöhnt. Nach ihrer glanzvollen Zeit als zweitgrößte Stadt im Hansebund kam Wismar von 1648 bis 1803 in schwedischen Besitz und wurde zur stärksten Seefestung der Ostsee ausgebaut. Handel und Gewerbe erlahmten. 1718 schleiften die Dänen die Festung. Als offene Stadt für die Schweden uninteressant, wurde sie im Jahre 1803 auf hundert Jahre an Mecklenburg verpfändet. Damit galt Wismar für viele Investoren als unberechenbar und verkam zur verschlafenen Provinzstadt.

 „ Dennoch haben die Wismarer ein wohlwollendes Bewußtsein für die Schweden, denn diese hatten damals den Bürgern die kommunale Selbstverwaltung gelassen“, erläutert Bürgermeisterin Dr. Rosemarie Wilcken. Damals wie heute legen die Bürger auf ihre Selbstverwaltung großen Wert. Sie sind aktiv. Ihr Hafen ist ihnen sehr wichtig, doch sie wissen, daß ihre Altstadt, die 1994 eine Goldplakette im Wettbewerb „ Erhaltung des historischen Stadtraumes“ erhielt, eine wesentliche Rolle für die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Wismar spielt. Bürgermeisterin Dr. Rosemarie Wilcken: „ Wir leben im einer der strukturschwächsten Regionen Europas. Außerden haben wir große wirtschaftliche Probleme mit der Monostruktur Werft und noch keine anständigen Verkehrsanbindung. Doch was wir haben, ist eine wunderschöne Stadt, und die schöne Natur haben wir gottlob gleich mit dazu bekommen. Die Chancen, daß sich hier Wirtschaft ansiedelt, sind höher, je schöner unserer Stadt ist.“ Sie setzt nicht nur auf Industrie, sondern auch auf Handwerk, Dienstleistungen und Tourismus.

„Wir möchten, daß sich die Leute bei uns wohlfühlen.“ Mit vorausschauender Vernunft wird deshalb die Stadt restauriert. Die beliebte, weil bürgernahe Bürgermeisterin setzt auf die Denkmalpflege. Die Stadt leistet sich ein personell überraschend stark besetztes Denkmalamt, und sie hat im knappen Haushaltsetat einen eigenen Denkmalfonds mit jährlich 400.000 Mark eingerichtet. Günther Faust, Leiter der Denkmalpflege: „Wir sind froh, daß wir schnell und unbürokratisch Geld für Restaurierungen  dazugeben können. Dies hat einen Schneeballeffekt, da ziehen die Bürger mit.“

Signalwirkung hat auch die Wiederherstellung  der 1945 von Bomben stark beschädigten Georgenkirche, eine der größten Hallenkirchen der Backsteingotik in Nordeuropa. Zunächst war die Opposition gegen das vermeintliche „ Millionengrab“ groß, doch in dem Maße, wie die mächtige Kirche aus der Ruine wieder Gestalt annimmt, wächst die Akteptanz. Seit 1990 hat sich die Deutsche Stiftung Denkmalschutz bisher mit 11,7 Millionen Mark an der Wiederherstellung dieses bedeutenden Bauwerks beteiligt.

Italienische Renaissance

In Wismar fühlt man sich gleich zuhause. Der Spaziergang von der einen zur anderen Sehenswürdigkeit wird zu freudigen Entdeckungsreise. Unter den ostdeutschen Städten gilt Wismar als diejenige mit den kürzesten Fußwegen. So liegt neben St. Georgen der ehemalige Fürstenhof im Stil italienischer Renaissance, mit plastischem Kalkstein- und Terrakottaschmuck reich verziert. Dahinter ragt der Turm der 1960 gesprengten Marienkirche wie ein Mahnmal in den Himmel. Gleich in der Nähe die Lübsche Straße: Bürgerhäuser aller Stilepochen reihen sich in dieser Hauptstraße im Einklang nebeneinander, daß es für das Auge eine wahre Freude ist. Mein „Geheimtip“: Einer der beschaulichsten Plätze Wismars verbirgt sich an der Heiligen-Geist-Kirche. Hinter dem Tor zum ehemaligen Spital lädt ein wunderschöner Blumengarten, in dem unzählige Schmetterlinge vom leichten Wind getragen werden, zum Verweilen ein. Die Sonne gießt verschwenderischen Glanz über diesen Ort der Stille.

Wer keinen historischen Stadtführer bei Hand hat, der sollte auf die Straßennamen schauen. Sie bezeichnen die ehemaligen Quartiere, wie die der Fischer, Müller oder Gerber. „ Die Grube“ ist ein Baudenkmal ganz besonderer Art. Sie ist der Mitte des 13. Jahrhunderts angelegter Wasserlauf, der durch die Stadt führt und über weitere Seen den Schweriner See mit der Ostsee verbindet. An der „ Grube“ liegt das bürgerliche Pendant zum Fürstenhof, das Schabbellhaus. Nicht nur sein niederländischer Renaissancegiebel, sondern auch die von Bäumen gesäumte Nikolaikirche und der barocke Königsspeicher geben dem Kanal das Flair niederländischer Grachten. 

Bier als Arznei

Die Grube und andere Stadtkanäle, die heute zugeschüttet sind, sorgten lange für Trink- und Brauchwasser. Und gerade die ausgezeichnete Wasserqualität aus den umliegenden Seen verknüpften  die Wismarer bereits im Mittelalter mit einer hanseatisch kühnen Idee. Die mächtigen Konkurrenten im Hansebund, Lübeck und Rostock, hatten ihren Grundbesitz bis dicht vor die Tore Wismars ausgedehnt. Riesige Felder machten den Getreidehandel für sie zu einem ertragreichen Exportgeschäft. Für Wismar war der Getreideertrag zu gering. Was also damit anfangen? Bier brauen! Wismarer Bier wurde über die Landesgrenzen hinaus ein begehrter Exportartikel. Selbst die Ratsherren brauten Bier zum Wohle der Stadt im Ratskeller. Bier war nicht nur Durstlöscher, sondern wurde auch als Arznei verabreicht und diente als Grundlage so mancher Hausmannskost. Das Geschäft mit dem Bier war so bedeutend, daß es Mitte des 15. Jahrhunderts knapp 200 Brauereien in Wismar gab.

Aus der Not eine Tugend zu machen, ist ein Wesensmerkmal der Wismarer. Daher werden ihnen, bis sie eine vernünftige Verkehrsanbindung haben, die Ideen zum Wohle ihrer Stadt nicht ausgehen.





27.01.2005 
Quelle: Monumente« 9/10-1995, Magazin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz