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Die mittelalterliche Landwehr an der Grenze zu Hornstorf


Abschnitt der mittelalterlichen Landwehr an der Grenze zu Hornstorf ©  Foto: Rita Gralow
© Foto: Rita Gralow 
Die von Wismar nach Hornstorf führende Kreisstraße K35 überquert genau auf der Stadtgrenze einen Graben. Dem Grabenverlauf folgt ein aufgeschütteter Wall, der teilweise eine Höhe von bis zu 3,50 m erreicht und von hohen Eichen und Strauchwerk besäumt ist. In alten Katasterplänen finden sich hierzu die Flurnamen „Schwedenwall“ und „Schwedenschanze“ und so scheint es zunächst durchaus naheliegend, Wall und Graben als schwedenzeitliche Überreste anzusehen - schließlich nehmen andere Flurbezeichnungen in Wismar wie „Dahlberg“, „Wallgarten“ oder „Grothusenschanze“ auch direkt Bezug auf diese Zeit. Im Fall des eingangs beschriebenen Bodendenkmals dürfte der Namensbezug jedoch erst nachträglich entstanden sein, denn dieser letzte erhaltene Rest der ehemaligen mittelalterlichen Landwehr, die in Wismar allgemein als „Stadtgraben“ bezeichnet wurde, geht bereits zurück auf die Zeit der Stadtentstehung.

Schutz und Grenzmarkierung der städtischen Feldflur


Die Gründung Wismars noch vor dem Jahr 1229 und ihr schnelles Anwachsen und Erstarken brachte Wohlstand und Bedeutung und dies wiederum erforderte einen entsprechenden Schutz des Territoriums. Nicht nur der bebaute Bereich der heutigen Altstadt wurde durch eine Mauer umschlossen und befestigt, auch die schon frühzeitig durch Flächenankäufe entstandene Stadtfeldmark bekam dort, wo natürliche Hindernisse wie Moore und Bachläufe fehlten, einen Wall und Graben. Diese Anlagen stellten zwar keine unüberwindlichen Hürden dar, doch dicht mit Dornengestrüpp bewachsen und mit nur wenigen Durchlässen versehen, bot diese sogenannte  Landwehr immerhin eine gewisse Sicherheit vor Viehdiebstählen und den in spätmittelalterlicher Zeit ausufernden Raub- und Fehdezügen. Zumindest war Kontrolle so besser möglich. Das unbemerkte Eindringen von Fremden in das Stadtgebiet konnte sicher nicht gänzlich unterbunden werden, war aber nun ein zeitraubendes Hemmnis. Und – mindestens genauso wichtig – Wall und Graben fungierten als Grenzmarkierung. Für jedermann sichtbar umschlossen, hob sich das städtische Weichbild als eigenständiger Rechtsbezirk deutlich vom Umland ab. Die sich ändernden Hoheits- und Besitzrechte, die oftmals auch eine juristische Scheidelinie darstellten, wurden so an der Stadtgemarkungsgrenze deutlich.


Pflege und Instandhaltung der Landwehr war Bürgerpflicht


Begrifflich findet sich die Wismarer Landwehr erstmals in einer Urkunde aus dem Jahr 1363 als solche erwähnt. Später wird sie 1430 und 1480 in den sog. „Bürgersprachen“ behandelt. Die „Bürgersprachen der Stadt Wismar“ sind eine Sammlung von örtlichen Rechtsregeln und Verordnungen, die unterschiedliche Themen wie Stadtfrieden, Feuerschutz, Straßenreinigung oder Kleiderordnung betreffen und von der in regelmäßigen Abständen einberufenen Bürgerversammlung debattiert und erlassen wurden. Bezüglich der Landwehr wurde hier festgelegt, dass es zu den Pflichten der Bürger gehöre, die Gräben der Landwehr herzustellen und in Stand zu setzen. Bei Todesstrafe wird es verboten, sie zu untersuchen, zu brechen oder darüber zu gehen oder Holz oder Strauchwerk dort zu hauen.


Burgmannsgehöfte zur Verkehrsüberwachung


Umgrenzungen verfügen auch immer über Durchlässe, an denen sich hervorragend Kontrollen platzieren lassen. Dort, wo eine Fernstraße die Landwehr durchschnitt, sicherten kleine Befestigungen wie Warten oder Schanzen den Durchgang. Mit der Zeit entstanden an diesen Sperren eigene Gehöfte, die sog. Burgmannsgehöfte. In Wismar waren dies die Lübsche Burg, Klußburg, Kritzowburg, Müggenburg, das Rotentor und schließlich die Hornstorfer Burg. Nach Hinweisen im Stadtarchiv existierte an letzterer zur Mitte des 15. Jahrhunderts eine Turmwarte, bezeichnet als „turris Hornstorpenborch“, die im Jahr 1638 zerstört wurde. Der landwirtschaftliche Hof, der schließlich die Nachfolge des Hornstorfer Burgmanns-Gehöftes antrat, brannte im Jahr 1872 vollständig ab.


Prägende Erscheinung im Landschaftsbild und historisches Relikt


Von einiger Entfernung, vor allem aus der Luft, ist auch noch gegenwärtig der Verlauf der Wismarer Landwehr an der Grenze zu Hornstorf über mehrere hundert Meter gut zu verfolgen. Die markante Baum- und Buschwerklinie zeigt den Verlauf an. Teilweise sind Bereiche des Walls allerdings stark verschliffen und der ehemalige Grabenverlauf eingeebnet – Resultat einer intensiven Beackerung der angrenzenden Flächen. Des weiteren wird das Geländedenkmal heute durch den Verlauf der Eisenbahnlinie Wismar-Rostock und die Gewerbeanbindung zum Haffeld durchschnitten. Wenn dies auch schmerzlich ist, erlauben einzelne, nicht zu vermeidende Baumaßnahmen doch auch einen Einblick in den konstruktiven Aufbau derartiger Anlagen. Bei dem vorliegenden Wallprofil handelt es sich offensichtlich um eine reine Erdschüttung.

Landwehren waren jahrhundertelang prägende Erscheinungen im Landschaftsbild. Heute sind sie fast gänzlich verschwunden oder nur noch in Resten erhalten – wie das Wismarer Beispiel zeigt. Als man in den Jahren 1796-1802 in Wismar radikal die Landwehren abholzte, blieben nur die Eichen entlang des Stadtgrabens gen Hornstorf verschont. Vermutlich ist dies der Grund, dass hier der letzte Rest der Landwehr erhalten ist. Um dieses mittelalterliche Rechtsdenkmal auch weiterhin zu bewahren, besitzt die Landwehr den Status eines eingetragenen Bodendenkmals und unterliegt den Bestimmungen des Denkmalschutzgesetzes Mecklenburg-Vorpommern.

Bauordnungs- und Denkmalamt

Rita Gralow




Ausdehnung der Hansestadt Wismar
© Foto: Rita Gralow 

Abb. 1

Ausdehnung der Hansestadt Wismar, mittig die Altstadt. An der östlichen Grenze des Stadtgebietes markiert die rote Linie die letzten Reste des Bodendenkmals der mittelalterlichen Landwehr, deren Verlauf noch auf einer Länge von ca. 700 m erkennbar ist.

 

 

 

 

Abschnitt der mittelalterlichen Landwehr an der Grenze zu Hornstorf
© Foto: Rita Gralow 
Abb. 2

Abschnitt der mittelalterlichen Landwehr an der Grenze zu Hornstorf mit bewachsenem Wall und vorgelagertem Graben. Das Wall-Graben-Profil erschließt sich dem Betrachter hauptsächlich in vegetationsarmer Zeit, wenn das fehlende Laub an Bäumen und Sträuchern genügend Durchblick gestattet.


11.03.2009 
Quelle: Bauordnungs- und Denkmalamt