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014_Wasserkunst und St. Marien © Volster & Presse Wismar
© Volster & Presse HWI 
Sie ist auf fast allen Postkarten von Wismar zu sehen, ist Mittelpunkt jeder Stadtführung und wird tagtäglich von unzähligen Touristen bestaunt - die Wasserkunst auf dem historischen Marktplatz ist ein wirklich beschauliches Wahrzeichen Wismars. Doch der pavillionartige Bau im Stil der niederländischen Renaissance ist von dem einheimischen Steinmeister Philipp Brandin keinesfalls als bloßer Augenschmaus erschaffen worden. Im Gegenteilm der Zwölfeckbau mit glänzender glockenförmiger Kupferhaube und den schlanken Hermenpfeilern diente zwischen den Jahren 1602 und 1897 der Wismarer Bevölkerung zur lebensnotwendigen Trinkwasserversorgung.

 

Der Durst der Hansestädter war nicht zu stillen

Die stetig wachsenden Einwohnerzahlen und der rasante Anstieg der Gewerbetreibenden führten dazu, dass sich die Obrigkeiten Wismars im 16. Jahrhundert über die allgemeine städtische Trinkwasserversorgung die Köpfe zerbrachen. Die zahlreichen kleinen Brunnnen, die das Wasser direkt aus der Erde sogen, genügten den wachsenden Ansprüchen längst nicht mehr. Der Durst der Hansestädter war nicht zu stillen und so wurde um 1563 der erste Versuch unternommen, aus einer Quelle bei Metelsdorf Wasser in die Stadt zu leiten. Nachdem unzählige Anläufe missglückten, wurde ein Fachmann beauftragt. Dem Güstrower Hans Fritz gelang es schließlich, die Metelsdorfer Quelle zu zähmen. Der verlegte hölzerne Leitungen, für die er eigens Hoz von Gotland/Schweden importieren ließ, und so floss dann im Jahre 1570 das erste Mal Wasser aus der Metelsdorfer Quelle in den hölzernen Brunnen auf dem Wismarer Marktplatz.Knapp 25 später war dieser Brunnen jedoch bereits so marode, das man beschloss, den morschen hölzernen Kasten durch einen steinernen zu ersetzen. Man beauftragte den bekannten Wismarer Steinbauer Philipp Brandin damit, einen geeigneten Brunnen zu konstruieren. Der Bevölkerung missfiel diese Idee, denn sie sah in der Anschaffung eines kostspieligeren Brunnens aus Stein keine Notwendigkeit, erachtete die Anschaffung als reine Geldverschwendung und überflüssiges Statussymbol. In der Hoffnung auf einen langlebigeren Brunnen entschieden sich die Stadtväter trotz der Proteste der Bürger für den Bau eines robusten Steinbrunnens. Da der berühmte Baumeister Philipp Brandin allerdings bereits im Jahre 1595 verstarb, konnte er sein Werk jedoch nicht vollenden. An seiner Stelle setzte der Lübecker Heinrich Dammert den Bau fort. Inwieweit er dabei die Bauplanung von Philipp Brandin beibehielt oder welche Konstruktionselemente er abgewandelt hat, ist bis heute umstritten.

Über ein Jahrhundert lang versorgte dieser robuste Steinbrunnen die Bevölkerung Wismars mit Wasser aus der Meteldorfer Quelle. Als die kriegerischen Unruhen im Umland  zunahmen und man begann die Stadt mit Hilfe einer Festung vor Feinden zu schützen, nahm auch die Sorge um die konkurrenzlose Wasserleitung zu. Die Wasserversorgung der gesamten Stadt über nur eine einzige externe Quelle abzuwickeln, wurde als äußerst risikohaft bewertet. Man befürchtete, dass bei eventuellen kriegerischen Auseinandersetzungen diese primäre Versorgungsleitung durchtrennt und damit die ganze Stadt mittellos gemacht werden könne. Eine zusätzliche Versorgungsquelle zu erschließen, war also unbedingt notwendig. Durch eine interne Wasserversorgung wollte man Katastrophen vorbeugend gegenüberstehen. Hierzu wurde Wasser aus dem Fischerteich (Mühlenteich) in einem Turm nahe der Grubenmühle gepumpt und von dort aus mit hohem Druck durch Leitungen bis hin zu einem kleineren Brunnen am Rande des Marktes transportiert. Ab dem Jahre 1682 besaßen die Hansestädter somit zwei voneinander unabhängigen Wasserversorgungsnetze. Während der Belagerung Wismars durch dänische, hannoversche und preußische Truppen wurden dann 1715 diese beiden Wasserversorgungssysteme zusammengelegt. Die steinerne Wasserkunst auf dem Markplatz wurde fortan als Sammel- und Verteilerstelle eines Wassergemisches genutzt. Das Wasser aus der Metelsdorfer Quelle wurde heir mit dem des Mühlenteiches zusammengeführt, vermischt und über fünf Hauptstränge in die einzelnen Quartiere der Stadt verteilt. Während rund 220 Häuser eine eigene "Wasserkumme" besaßen, versorgten sich die restlichen Haushalte über so genannte "Freipfosten". Die wohl bekanntesten "Freipfosten" waren die Figuren "Nix und Nixe", im Volksmund auch "Adam und Eva" genannt, die direkt in der Wasserkunst auf dem Markt befestigt waren. Da die kleinen Nebenstraßen nicht über separate Wasserleitungen verfügten, war die Nutzung der "Freipfosten" kostenfrei. Haushalte, die den Komfort einer eigenen "Wasserkumme" besaßen, mussten ihr Wasser jedoch teuer bezahlen. Anhand des ausgeführten Gewerbes und den im Haushalt lebenden Personen schätzte eine Taxkommission den durchschnittlichen Verbrauch. Dieser Schätzwert musste verbindlich gezahlt werden, unabhängig davon, ob tatsächlich so viel Wasser verbraucht wurde.

Der Einfluss des "Kunstmeisters"

Da die gesamte Stadt das kostbare Nass zum Überleben benötigte, wurde eigens für die allgemeine Wartung und Instandhaltung der Wasserkunst sowie des Leitungsnetzes ein so genannter "Kunstmeister" beschäftigt. Er wurde unter Eid dazu berufen, diese verantwortungsvolle Aufgabe gewissenhaft durchzuführen. Zusammen mit etlichen Gehilfen musste er das überirdische Leitungsnetz täglich kontrollieren, warten und bei Bedarf umgehend reparieren. Der "Kunstmeister" bestimmte auch die Zeiten, zu denen Wasser durch die Leitungen lief. Für uns kaum vorstellbar, aber die Menschen der damaligen Zeit kannten den Luxus Tag und Nacht verfügbaren Wassers nicht. Es konnte sogar vorkommen, dass die Wasserversorgung aus wirtschaftlichen Gründen kurzzeitig ganz eingestellt wurde.

Obwohl die Zuleitungskonstruktion des Güstrower Klaus Fritz eine ingenieurtechnische Meisterleistung war und trotz der taglichen Wartung war das Wasserversorgungsnetz um 1858 in einem so desolaten Zustand, die Wasserkunst selbst sogar einsturzgefährdet, dass man begann die morschen hölzernen Leitungen durch stabile gusseiserne Rohre zu ersetzen und die Wasserkunst zu sanieren. Durch Heinrich Thormann wurde die Wasserkunst 1861 vollständig umgebaut. Die ursprüngliche Bauweise wurde beibehalten, der gesamte Bau jedoch vergrößert. Das Fassungsvermögen wurde erhöht und das Pumpwerk erweitert. Die Wasserkunst, so wie sie uns heute bekannt ist, entstand. Zusätzlich  wurde die lateinische Inschrift in schlichte deutsche Prosa übersetzt. In goldenen Lettern können Interessierte noch heute die Geschichte der Wasserkunst und der Wasserversorgung in Wismar an den Feldern ober- und unterhalb der Eisengitter nachlesen. Obwohl die Wismarer Wasserkunst nun in neuem Glanz erstrahlte, nahm zu dieser Zeit der Traum von einem modernen städtischen Wasserwerk mit Tiefenbrunnen in Metelsdorf sowie Pumpstation und Wasserturm am Turnplatz erste Konturen an. So kam es, dass am 3. November 1897 das letzte Mal Wasser aus der Wasserkunst am Marktplatz floss und fortan der Wasserturm am Turnplatz Wasser der Metelsdorfer Quelle speiste und im Stadtnetz verteilte. Das enorme Fassungsvermögen sowie der hohe Druck begeisterste die Hansestädter, und die Wasserkunst am Markt wurde nach fast 300 Jahren in den Ruhestand geschickt.

Heute gehört die Wasserkunst zu den bedeutendsten historischen Denkmälern der Hansestadt Wismar. In den Jahren 1971 bis 1976 von Grund auf saniert, erfreut das prachtvolle Renaissancebauwerk nun täglich Gäste und Einwohner mit ihrer zeitlosen Schönheit.





20.09.2003 
Quelle: Stadtanzeiger 16/03