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Persönliche Geschichten aus DDR-Zeit gesucht


Die Projektgruppe „Stadtgeschichte“ hat viele Ideen, zu welchen Themen geforscht werden könnte. Mitstreiter werden gesucht.

Wismar (OZ) - In Wismar gibt es derzeit 13 Stolpersteine für Opfer der Gewaltherrschaft im Nationalsozialismus. Um an die Frauen, Männer und Kinder zu erinnern, wurden in den Jahren 2008 und 2009 kleine Gedenktafeln aus Messing vor den letzten selbst gewählten Wohnorten der NS-Opfer verlegt. Momentan sind unter anderem Schülerinnen und Schüler des Gerhart-Hauptmann-Gymnasiums und ihr Geschichtslehrer Frank Reichelt damit beschäftigt, weitere Schicksale zu recherchieren. Die Hansestadt und viele Engagierte unterstützen das Projekt.
„Wir sind auf einem guten Weg, die Forschungen sind schon recht weit. Es könnten bald drei bis vier neue Stolpersteine in der Stadt verlegt werden“, teilte Gerd Giese jetzt mit. Der Leiter des Wismarer Stadtarchivs hatte sich im Bürgerschaftssaal mit weiteren Mitgliedern der Projektgruppe „Stolpersteine“ und Interessierten zum Erfahrungsaustausch getroffen. Im Wismarer Rathaus gab sich die Projektgruppe einen neuen Namen, nennt sich nun „Stadtgeschichte“, „denn es sollen auch andere Dinge aus der DDR-Zeit, die in Vergessenheit geraten könnten, erforscht werden“, sagte Senator Michael Berkhahn (CDU), der den Plan von Gerd Giese und Petra Steffan, eine „Geschichtswerkstatt“ einzurichten, lobte und die Unterstützung durch die Stadt zusicherte.
Ideen gibt es viele. „Ein interessantes Thema könnte die Rockmusik in Wismar sein. Welche Konzerte fanden hier statt? Was wurde gespielt? Gab es Schwierigkeiten?“, so der Archiv-Leiter. Giese kann sich außerdem vorstellen, mit ehemaligen Punks aus Wismar zu sprechen. Ein mögliches Thema sei auch die Mode in der DDR: Wie konnte man sich gut kleiden oder an Stoffe kommen? „Natürlich spielt auch die Werft eine große Rolle“, meinte Gerd Giese. „Oder Schüler, die nicht so systemkonform waren, wie man es von ihnen erwartete, die zum Beispiel der Jungen Gemeinde angehört oder politische Witze gemacht und dann Probleme bekommen hatten.“ Gesprächsteilnehmer im Bürgerschaftssaal äußerten weitere Ideen. So sollte recherchiert werden, was im Vorfeld der Sprengung der Marienkirche passierte.
Wer erinnert sich noch an FDJ-Brigaden, die Antennen abknickten, damit kein Westfernsehen empfangen werden konnte? Oder an von der Stasi abgefangene Briefe von DDR-Bürgern an ihre Verwandten im Westen? „Wir möchten nicht die großen Ereignisse hervorheben, sondern die vielen kleinen Geschichten, die kleinen Skandale aufdecken“, sagte Gerd Giese.
Gesucht werden nun Zeitzeugen, die sich interviewen lassen, aber auch Schüler und Erwachsene, die sich auf die Suche nach Geschichten machen. Spätere Veröffentlichungen, etwa in Buchform oder als Dokumentarfilm, seien möglich. Hilfen sind im Stadtarchiv (Telefon 0 38 41/2 51 40 80) zu erwarten, in dem auch Listen ausliegen, in die sich Interessierte für eine Mitarbeit eintragen können. Heike Müller von der Landeszentrale für politische Bildung berichtete von Möglichkeiten der finanziellen Förderung und sicherte ebenfalls fachliche Unterstützung zu. „In der DDR-Diktatur hat fast jeder Begebenheiten erlebt, wo er sich anpassen, verbiegen oder doppelzüngig sein musste“, machte Heike Müller Mut, sich der eigenen Geschichte zu stellen.
NORBERT WIATEREK




Autor: Petra Steffan, 22.10.2010 
Quelle: Ostsee-Zeitung