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Zwillingsschwestern


Im Jahre 1964 erblickten gewissermaßen „Zwillingsschwestern“ das Licht der Welt, als der Berliner Bildhauer Wieland Förster (geboren 1930 in Dresden, lebt in Brandenburg) in der Bildgießerei Seiler und Siebert in Berlin-Schöneiche zwei Ausführungen der Bronzeskulptur „Sich Sonnende“ (auch: „Große Sitzende“) gießen ließ. Die eine der Skulpturen fand ihren Platz mitten im Neubaugebiet von Wismar-Wendorf am Max-Reichpietsch-Weg und sitzt noch heute dort auf ihrem Sockel – gelassen und in sich ruhend zwischen Hecken und Kinderspielplatz. Ihre Schwester verschlug es 200 Kilometer weiter westlich nach Berlin – zunächst in den Innenhof des Ministeriums für Außenwirtschaft, ein damals neu entstandenes Gebäude an der Straße Unter den Linden. Sie saß dort auf einem Sockel inmitten eines Springbrunnens. Doch die Idylle fand Anfang der 1990 Jahre ihr Ende, als das Gebäude in den Besitz des Deutschen Bundestages überging und der gesamte Innenhof umgestaltet wurde. Für die Skulptur musste ein neuer Standort gefunden werden, aber „Unter den Linden“ sollte er schon sein. Und so bekam die „Sich Sonnende“ wieder einen eigenen Innenhof – diesmal im Parlamentsgebäude Unter den Linden 71, das bis zum Jahr 1989 Sitz des Ministeriums für Volksbildung der DDR gewesen war.

Eigentlich verbindet sich mit dem Werk Wieland Försters, der die bedeutende figürliche Bildhauertradition Berlins von Käthe Kollwitz oder Gustav Seitz fortsetzt, die Darstellung von Martyrien und gequälten, geschundenen Körpern. Es sind Kriegserlebnisse sowie seine jahrelange Haft in einem Sonderlager in Bautzen, die Förster in der Darstellung von Leid und Vergänglichkeit verarbeitete. Geradezu als Gegenpol zu solchen Abgründen des Menschlichen wirken Försters naturhafte weibliche Aktdarstellungen, die sein Werk von Beginn an begleiten. Zu dieser Werkgruppe gehört die Skulptur „Sich Sonnende“, mit der Förster ein Sinnbild kreatürlichen Lebens und ursprünglicher Naturverbundenheit schuf. Ihre abgerundeten, geometrisch-abstrahierenden und geglätteten Oberflächen formen eine kompakte, harmonisch-ausgewogene Figur, die in der Geschlossenheit ihrer Form an allegorische Frauenskulpturen von Aristide Maillol erinnert.

So verkörpert Försters Skulptur überzeugend die Vorstellung einer in sich und in der Natur ruhenden „Sonnenanbeterin“, gleichsam ein Naturkind vom Ostseestrand im Hier und Jetzt von Berlin. Abseits der großstädtischen Geschäftigkeit der Straße „Unter den Linden“ lädt sie zum Innehalten ein und zum Träumen von einem diesseitigen Arkadien. Und sie selbst? Sie träumt ganz sicher von der Ostsee und ihrer Schwester in Wismar – so nah und doch so fern.

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Bronzeskulptur "Sich Sonnende"
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Bronzeskulptur "Sich Sonnende"

 





20.10.2016 
Quelle: Stadtgeschichtliches Museum der Hansestadt Wismar